Dienstag, 21. Juli 2015

Sommer im Pfälzerwald - Vom Holunder und vom Würzwisch - Alte Bräuche neu entdeckt!



Der Holler
Seit altersher ist der Holunder, vor allem der Schwarze Holunder, den man auch Holler nennt, ein treuer Begleiter des Menschen, der sich im Dorfe an alten Mauern, in Scheuenenwinkeln, in Gärten und überhaupt in der Nähe des Menschen wohlfühlt.
 
Auf dem Weg zu den zwei Steinen - Foto/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner

Holunderblüten - Foto Ute Knieriemen-Wagner

Volkssagen und Märchen ranken sich um seinen Namen. Bei den Altvorderen war der Holunder der „Baum der Holla“, er war also der Frau Holle geweiht. Seine große Berühmtheit kann man schon daran erkennen, dass sich sein Name im Laufe von weit über tausend Jahren kaum verändert hat, denn der Name Holunder geht auf die altdeutsche Form „holun – tar“ zurück, wobei „tar“ auf Baum zurückgeht und „holun“, der Genetiv von „Holla“ ist.

Viele Niederschriften berichten darüber, dass der Holunder bei den alten Germanen in hohem Ansehen stand, zumal in diesem Baum der gute Geist des Hofes und Gehöftes, die Hollermutter, „Frau Ellhorn“ genannt, wohne, weswegen der Baum das Haus vor Feuergefahr und die Haustiere vor Krankheit schützen würde.
In den Alpenregionen war der Holunderbaum wegen seiner vielen Verwendungsmöglichkeiten vor allem in der Volksmedizin unter ständigen Schutz gestellt worden. So drohte man in alten Zeiten in der Schweiz jedem mit der Todesstrafe, der es wagte einen Holunderbaum zu Brennzwecken abzuschneiden.
Vor ungefähr 700 Jahren behauptete Albertus Magnus, dass die Holunderrinde aufwärts geschabt Erbrechen erzeugen würde, jedoch abwärts geschabt Abführen hervorrufen würde.

Im Kräuterbuch des Adamus Lonicerus, dem Artzney – Doctorn und Ordinarius Primarius Physicus zu Frankfurt, gegeben im Jahre des Heyls 1582 lesen wir:
„Die grünen Blätter gestoßen und auf grindige Haut gelegt, heilen sehr. Die Blätter in Wein gesotten und getrunken, benimmt alle überflüssige Feuchtigkeit und treibt die Wassersucht aus. Die Rinden in Wasser gesotten, wenn sie noch grün sind, das getrunken, ruft Erbrechen hervor. Die Blätter oder Frucht von Holder in Salzwasser gesotten, benehmen den damit gewaschenen Füßen die Geschwüre. Gegen Schlangen- oder Natternbiß sind darüber gelegte Blätter des Holders gut. Das Holderblütenwasser ist gut gegen das Zittern der Hände, welche Morgens und Abends damit bestrichen werden sollen und die man selber trocken werden lassen soll, ist auch gut zu alten und kalten Schäden, welche mit Holderblütenwasser gewaschen und Tücher darüber gelegt, diese heilet...“

Noch vor fünfzig Jahren sangen die Kinder im Westrich einen Reim auf den Holunder:
Ringele, ringele, reihe -
sind der Kinder dreie,
sitzen unterm Hollerbusch,
schreien alle husch, husch, husch!

In der Pfälzischen Volkskunde von Albert Becker lesen wir.
„Besondere antidämonische Kräfte besitzt im Volksglauben auch der Holunder (Holler). Sollen die Holunderblüten als Arznei wirksam sein, so müssen sie am Johannistag mittags 12 Uhr gepflückt werden (Potzberg). Auch der Holunder wehrt der Pest; in den Boden gesteckt vertreibt er Mäuse und Maulwürfe.“

Lavendelpracht am Trippstadter Schloss - Foto/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner


Der Würzwisch
Einer besonderen Pflanzenverehrung in der Pfalz, galt von jeher die Kräuterweihe des „Pfälzer Würzwisch“, die noch bis in jüngste Zeit besonders in katholischen Gegenden ausgeübt wurde. Beim Würzwisch verschiedentlich auch Würzbüschel genannt, handelt es sich um ein Kräuterbündel das je nach Region zwischen 7 und bis zu 77 unterschiedliche Kräuter enthalten kann. Bereits aus vorchristlicher Zeit liegen uns Überlieferungen vor, die von diesem heidnischen Kult berichten. Im Jahre 745 n. Chr. wurde der Brauch verboten dann aber christianisiert weil er einfach unausrottbar für die Kirchenväter war. Man begann damals die Heilwirkung des Würzwischs vor allem auf Maria zurückzuführen. Im Sachsenspiegel aus dem 13. Jh. lesen wir:
„Dat is to Krudemisse unser liben Frawn as sei to Himmel voer – was wir etwa so übersetzen können: Am Tag, als Maria zum Himmel fuhr, wird die Kräutermessse gehalten“.
Also zu Mariä Himmelfahrt (15. August).
Peter Weisrock beschreibt das Brauchtum um den Würzwisch in der allgemeinen Zeitung Mainz wie folgt:
 
Foto Copyrights Ute Knieriemen-Wagner
„Wenn in früheren Jahren an Mariä Himmelfahrt der Würzwisch geweiht wurde, dann konnte man in den Tagen vorher etliche Kindergruppen beim Pflücken großer Feldsträuße in der Gemarkung beobachten. Meist war ein Erwachsener oder ein Jugendlicher dabei, die sich mit der Auswahl der Pflanzen auskannten. Die Kräutersträuße wurden im sonntäglichen Hochamt feierlich gesegnet und zu Hause auf dem Dachboden oder in der Scheune aufgehängt.
Der Brauch der Kräutersegnung war in den katholischen Regionen weit verbreitet und geht bis in das 10. Jahrhundert zurück. Es waren ausschließlich Heilkräuter, die gesammelt und getrocknet wurden, um als Hausapotheke zu dienen. Ursprünglich waren es vierzehn Kräuterarten, die von der Zahl der vierzehn Nothelfer herrührten. Mit der sich immer weiterentwickelten Kenntnis über die Heilkräfte von Pflanzen, wurde die Art und Zahl des Kräuterstraußes immer vielfältiger. So gab es früher auch in unserer Gemarkung eine erstaunlich große Zahl echter Heilkräuter, von denen die meisten erst im August zum Blühen kamen. Mit dem Aufkommen pharmazeutischer Heilmittel nahm die Bedeutung der Heilkräuter immer mehr ab, jedoch blieb der Brauch des Würzwisch Sammelns lange erhalten. In unserer bis Mitte der 1960er Jahre weitgehend bäuerlich geprägten Welt diente der geweihte Strauß nicht nur zur gesundheitlichen Hilfe. In Dachböden und Scheunen aufgehängt kam ihm eine besondere Schutzwirkung gegen Blitz- und Hagelschlag zu, also Gefahren, die Haus und Ernte vernichten konnten. Heute sind es meist die Landfrauenvereine, die diese alte Tradition noch pflegen.“
Das Brauchtum um den Würzwisch ist von Region zu Region oft recht unterschiedlich. Interessant ist natürlich auch, was Albert Becker dazu schreibt. In seiner Pfälzischen Volkskunde lesen wir:
„Mitte August, am Tag Mariä Himmelfahrt, der als Geburtstag Napoleons I. in der Pfalz selbst dann noch gefeiert wurde, als die Revolution alle Heiligen Tage weggefegt hatte, findet in katholischen Ortschaften die Kräuterweihe statt. Wie am Palmsonntag die „Palm“ eingesegnet wurde, wird jetzt der Würzwisch (mund. Werzwisch) geweiht. Neben Feldfrüchten (Hafer, Hanf, Nüsse, Weizenähren, Zwiebeln) sind im Würzwisch allerhand alte Heilkräuter nachweisbar: Johanniskraut, Muttergottes Bettstroh, Dausendgillekraut, Abnemmekraut, Frauenflachs oder Hasemailcher, Odermännelcher, die als Tee gegen Hämorhoiden gebräuchlich sind, Fleeschknepp, Blutkneppcher oder Blutstrepple, Wurmmehl oder Rainfarn; die weiße Himberknepp werden als Tee gegen Husten getrunken... „
Was an diesem Bericht interessant ist, das ist die Tatsache, dass man immer wieder Wege fand, das alte Brauchtum aufleben zu lassen. Wurde das heidnische verboten, wurde es von der Bevölkerung christianisiert, verbot man das katholische Brauchtum, lebte es wie bei Mariä Himmelfahrt im Geburtstag Napoleons I. weiter.
Das in der Pfalz ein recht großes Wissen über Pflanzenbrauchtum und Volksheilkunde überliefert ist, hängt ohne Zweifel auch mit drei großen Gelehrten des Mittelalters zusammen die hier wirkten: Hildegard von Bingen, Hieronymus Bock und Tabernaemontanus. Der Strom klösterlicher Heilkräuter-kunde hat sich im Laufe der Jahrhunderte mit heidnischen Überlieferungen vermischt und so entstanden die oft seltsam anmutenden Kräuterbräuche. Dazu kam, dass durch die Erfindung der Buchdruckerkunst Geistesgut praktisch jedermann, der Lesen konnte, zugänglich wurde. Zu den meist gedruckten und bestverkauften Verlagsobjekten gehörten die Kräuterbücher. So auch das bedeutendste Kräuterbuch des 16. Jahrhunderts, das „New Kreuterbuch“ von Leonhart Fuchs“ (1501 – 1566).

Zur Sommerzeit blühen in der Umgebung von Trippstadt die unterschiedlichsten Kräuter und Heilpflanzen. Wer mit offenen Augen durch die herrlichen Wälder und Felder wandert, findet hier auch die Pflanzen, die einst für den „Würzwisch“ genutzt wurden. Gerne nimmt man sie heute, nach einer Wanderung, mit nach Hause, wo sie einem, in eine Vase gestellt, noch tagelang an die schöne Wanderung erinnern und erfreuen!

Auch den schwarzen Holunder findet man in Trippstadt noch an vielen Plätzen. Oft an Hauswände geschmiegt, denn er liebt die Nähe der Menschen, oder auch an Feldwegen und Wiesen, wo er uns beim Vorbeiwandern grüßt! Wenn seine weißen Blütendolden wie Sterne in den Vollmondnächten leuchten und der schwere, süße Duft der Blüten über den Gärten liegt, dann wissen wir: es ist Sommer im Pfälzerwald!


Foto/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner

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