Samstag, 23. August 2014

Wandern als Lebensphilosophie - Ambulator nascitur non fit



Von Hans Wagner




Es war Goethe der den Spruch prägte: „Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich“. Goethe wollte mit diesem Satz einfach aussagen, dass eine bewusste Wanderung weitaus mehr Eindrücke in uns hinterlässt, als das Reisen in der Kutsche, heute würden wir sagen, als das Reisen im Auto. 


Schlossparkpforte - Foto Ute Knieriemen-Wagner


Mit Sicherheit nimmt man die Landschaft bewusster wahr wenn man sie erwandert. Durch eine Landschaft zu Wandern hat etwas mit Erfahren zu tun, ich „er – fahre“ die Landschaft. Während einer Wanderung teilt sich mir die Landschaft mit. So ist Wandern auch eine Beschäftigung mit dem eigenen Geist. Während des bewussten Gehens tritt der Moment ein, in dem Geist und Körper eine Harmonie bilden und man spürt alsbald eine Ganzheitlichkeit in sich.
In früheren Zeiten, bevor die ersten Eisenbahnen fuhren, war Laufen und Wandern etwas ganz alltägliches. Nur wohlhabende Menschen konnten es sich leisten sich mit der Kutsche oder dem Pferd von Ort zu Ort zu bewegen, die einfache Bevölkerung musste laufen. Die Wege und Straßen waren damals noch Orte der Kommunikation. Man tauschte sich aus, erfuhr an Brunnen und Dorfplätzen Neues und trug so die Nachrichten in die Städte und Dörfer.
Es war ein buntes Volk das damals die Straßen und Wege bevölkerte. Bauern und Tagelöhner, auf dem Weg zum Feld und zur Arbeit. Viehtreiber, Packesel- und Ochsenführer. Bettler, Viehhändler und Hausierer. Kleine Geschäftsleute die Besen, Schnürsenkel, Schuhe, Uhren, Kräuter, Glas, Bürsten und andere Artikel zu ihren Kunden brachten. Ein buntes Völkchen in bunten Kleidern. Manche hatten aus Leinen genähte sogenannte Quer- oder Zwerchsäcke auf dem Rücken. Andere trugen hölzerne mit Waren beladene Traggestelle, die der Volksmund „Huchen“ oder „Hürdeln“ nannte. Frauen trugen Körbe, sogenannte „Kiezen“ auf dem Kopf.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tauchten die ersten „Bildungs-reisenden“ auf den Straßen auf. Studenten, Künstler und Reiseschriftsteller, die auf diese Weise Land und Leute kennen lernten und in ihren Büchern über ihre Erfahrungen während des Wanderns berichteten. Zwischen diesem Fußvolk tauchte immer wieder der „Landbote“ auf, der Briefe, Dokumente und Geld zu Geschäfts- und Privatleuten brachte.
Gegenüber uns Heutigen waren die Laufleistungen dieser Menschen mehr als erstaunlich.
Ulrich Bräker (1735 – 1798) marschierte 1756, in preußische Dienste gezwungen, 800 Kilometer von Rottweil nach Berlin, in ca. 24 Tagen. Er bewältigte ungefähr 33. Kilometer am Tag.
Der aus Frankfurt stammende Soldat Johann Konrad Friederich (1789 – 1858) marschierte 1805 die 33 Kilometer von Dürkheim nach Kaiserslautern in einem Tag. Von Lautern nach Landstuhl lief er in 3. Stunden.
Johann Friedrich Bruch (1792 – 1874) aus Pirmasens lief mit einem Mitstudenten im Oktober 1811 zu Beginn des Wintersemesters in zwei Tagen nach Straßburg - rund 100 Kilometer - „unter beständigem Regenwetter bis auf die Haut durchnässt“.
Etwas bescheidener waren die Laufleistungen von Friedrich Blaul (1809 – 1863) wie in seinen „Träumen und Schäumen vom Rhein“ nachzulesen ist. Sein Tagespensum betrug rund 20 Kilometer (Neustadt – Frankenstein; Frankenstein – Kaiserslautern). Von Kaiserslautern nach Trippstadt allerdings benutzte er die Mitfahrgelegenheit auf einem Fuhrwerk.
Der Meister auf „Schusters Rappen“ war zweifelsohne der Bildungsreisende Johann Gottlieb Seume (1763 – 1810). In seinen Erinnerungen schildert er wie er 1802 von Grimma bei Leibzig nach Syracus in Südsizilien wanderte. Diese Strecke ist ungefähr 2300 Kilometer weit und er brauchte zu Fuß vier Monate dazu. In weiteren fünf Monaten bewältigte er den Rückmarsch, zur Abwechslung über Paris, Straßburg und Frankfurt. Er lief seine Wege in den gleichen, immer wieder frisch besohlten Stiefeln. Zur Verminderung des Gepäckgewichtes trug bei, dass er einige seiner mitgeführten Bücher, meist klassische Autoren nach der Lektüre, ganz oder Blattweise wegwarf. Sein 1803 gedrucktes Buch „Spaziergang nach Syracus“ wurde zu einem Bestseller. 
Alte Eiche Schlosspark Trippstadt - Foto Ute Knieriemen-Wagner


Ambulator nascitur non fit: „Spaziergänger kann man nicht werden, man ist es durch Geburt“. Schrieb der vielleicht leidenschaftlichste Wanderer der Weltliteratur, H.D. Thoreau, in seinem Essay „Vom Wandern“. Und setzte unter diesen Satz die Gedanken: „Ich glaube, das ich meine körperliche und geistige Gesundheit nur bewahre, in dem ich täglich mindestens vier, gewöhnlich jedoch mehr Stunden damit verbringe, absolut frei von allen Forderungen der Welt durch den Wald und über Hügel und Felder schlendere“.

Natürlich kann sich heute der Großteil der Menschen nicht mehr so seinen Alltag verbringen wie das Seume oder Thoreau taten, aber das man sich hin und wieder den „Luxus“ einer größeren Wanderung gönnt, das kann sich fast jeder leisten. Am besten auch wieder im Sinne Thoreaus: „Bei meinen Nachmittagsspaziergängen möchte ich meine morgendliche Beschäftigungen und meine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft vergessen“.

Wirkliches Wandern ist eine Lebensphilosophie.

Blick von dern "zwei Steinen"zum Wilensteinerhof - Foto Ute Knieriemen-Wagner




Montag, 11. August 2014

Über den Buntsandstein



Von Hans Wagner

Felsformation am Scharderkopf bei Trippstadt

Der Pfälzerwald ist das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands. Im mittleren Pfälzerwald beträgt der Waldanteil fast 90% der Gesamtfläche, in seinem Westsaum liegen die Höhensiedlungen Trippstadt (404m), Stelzenberg, Schmalenberg und Heltersberg.
Der Wald, der Buntsandstein und die Gewässer sind die bestimmenden Naturelemente in der Trippstadter Landschaft.
Es sind die Karlstalschichten des Buntsandsteins, die wir in diesen Wäldern vorfinden und deren bizarren Felsbildungen den Wanderer schnell begeistern. Vor allem im Karlstal fallen grobkörnige, harte Felsbänke auf.
Um die Entstehungsgeschichte dieses Gebietes darzustellen, müssen wir tief in seine geologische Vergangenheit zurückreisen. Drei Zeitabschnitte sind für das heutige Landschaftsbild verantwortlich:
  1. die Bildung der Gesteinsschichten der Höhengebirge, vor allem des Buntsandsteins vor etwa 220 Millionen Jahren.
  2. Die Bewegungen der Erdkruste, die die heutige Lagerung der Gesteinsschichten bestimmten und die mit der Gebirgsbildung der Alpen seit 48 Millionen Jahre im Gange sind und
  3. die Abtragung und Formenbildung seit der Entwicklung des heutigen Gewässernetzes in der jüngsten geologischen Vergangenheit und in der Gegenwart. 
Die Buntsandsteinschichten die wir in der Trippstadter Landschaft antreffen sind ausschließlich Karlstalschichten, die erst in der Umgebung von Kaiserslautern durch die Trifelsschichten und die Rehbergschichten abgelöst werden. Letztere sind natürlich auch Buntsandstein.
Die Karlstalbuntsandsteinschichten finden wir nicht nur im Karlstal, sie ziehen sich von den Nordvogesen bis zum Saarbrücker – Kirkeler Wald und durchziehen einen Teil des Pfälzerwaldes. Diese Karlstalfelszone besteht aus dünnplattigen Sandsteinen, teilweise unterbrochen durch Geröll führende Schichten mit Quarzen und Quarziten. Für die Entstehung eines jeden Zentimeters festen Sandstein kann man rund tausend Jahre Erdgeschichte rechnen. Wir blicken also in der Landschaft um Trippstadt auf eine geologische Vergangenheit von 220 Millionen Jahren zurück, was die Buntsandsteinschichten betrifft.
Die rote Färbung im Buntsandstein hat ihre Ursache in der Einlagerung von Eisenoxiden und Eisenmineralien in den Sandschichten. In den gelben oder helleren Schichten wurden diese durch Wasser wieder ausgelaugt. Teile des  Buntsandsteins enthalten also Erze. Auch im Gebiet von Trippstadt finden sich erzhaltige Sandsteine, allerdings ist der Erzanteil in den Steinen so gering, dass sie zur Verhüttung nicht geeignet sind. Es handelt sich um Verwitterungserze im Buntsandstein (Brauneisenstein), deren Vorkommen sich auf die Karlstal- und Trifelsschichten erstrecken.
Die Grenzen zwischen Erzvorkommen und Erzlagerstätten ist fließend.
Die typische Talform für das Gebiet des Buntsandsteins ist das sogenannte Kerbtal, das steile Seitenhänge und nur eine schmale, meist von einem Bach allein beherrschten, Talsohle hat. Das Moosalbtal mit der Karlstalschlucht ist das bekannteste Beispiel. 

 
Karlstalschlucht Foto/Copyrights Michael Raka Weckerle


Weitere Kerbtäler in der Umgebung von Trippstadt sind das Aschbach- und Schweinstal.
Wer diese Täler erwandert wird von ihrer ökologischen Vielfalt begeistert sein. An den uralten Felsen kann der Wanderer eine Anzahl verschiedener Moose entdecken, zwischen Felsen und Bäumen finden sich interessante Farnarten und Flechten.
Moose findet man besonders üppig an Standorten mit hoher Luftfeuchtigkeit oder in der Nähe stehenden oder fließenden Wassers. So wachsen sie besonders gut auf flächig überrieselten Felsen oder in Schluchtwäldern. In allen naturnahen Wassergebieten der Trippstadter Landschaft erfüllen die Moose mit ihrer Filterwirkung und der Fähigkeit Wasser zu speichern eine wichtige ökologische Rolle für die Erhaltung der zahlreichen Trippstadter Quellen und Brunnen. Schon immer galt der Pfälzerwald als die schönste und eindrucksvollste Buntsandstein-Landschaft Deutschlands.


Es ist unbestritten, der Wald ist die beste Art den Boden für den Gesamthaushalt der Natur zu nutzen, schließlich ist er das ökologische Rückgrat jeglichen Lebens auf diesem Planeten.
Gerade in der Umgebung von Trippstadt finden wir noch an einigen wenigen Stellen den sehr seltenen Billots-Streifenfarn, der auf den Buntsandstein und auf feuchte Schluchttäler angewiesen ist!
Wer sich in Trippstadt für einige Stunden auf eine Buntsandstein Wanderung begibt wird mit dem Gefühl zurückkehren eine einzigartige Landschaft erlebt zu haben.