Dienstag, 29. Oktober 2013

Unter Herbstbäumen



von Hans Wagner
Der naturkundige Wanderer kennt die Stimmung, wenn im Herbst am Morgen der Nebel noch Tal und Hügel, Wälder und Fluren wie mit einem feinen Schleier verhüllt, den die heraufsteigende Sonne allmählich durchdringt und auflöst. Millionen von Spinnweben funkeln in Gebüsch und Bäumen und verzaubern die Landschaft. Es ist die Zeit der gedämpften Farben und des mystischen Lichts. 

Am Ziegelbrunnen/Foto Copyrights Ute Knieriemen-Wagner


Trippstadter Landschaft - Fotos/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner

Die letzten Zugvögel werden unruhig, weil es bald auf große Reise geht. Auf den Feldfluren ist nun Ruhe eingekehrt und am Waldrand reifen die schwarzen Schlehen, warten auf den ersten Frost, der etwas Süße in sie senkt. Die letzten Früchte des Holunders funkeln in der Sonne und die überreifen Brombeeren laden zum Verweilen ein. Ein letztes Mal verwöhnt uns die Natur mit ihrer herbstlichen Fülle. Mensch und Tier wissen, dass nun bald die dunkle Jahreszeit Einkehr hält und wollen ein letztes Mal von der Natur verwöhnt werden.

Im Wald erscheint uns nun die Stille noch intensiver, als wir sie im Hochsommer empfunden haben. Jene, die Altmutter Natur lieben, zieht es nun wie unter einem Zwang hinein in die Wälder, ihre Geheimnisse und Schönheiten aufsuchend. Man fühlt in sich Momente, in denen man spürt, dass wir mit dieser erhabenen Natur verwandt sind.

Der Schrei des Habichts in den Lüften, das plötzliche Aufbrechen von Wild im Gebüsch, das Schimpfen des Eichhörnchens vom Baum herab oder das einsame Fallen einer Eichel erscheinen uns wie ein Gebet, das Mutter Natur zu uns spricht. Der ganze Wald spricht zu uns in seiner großen Stille.
Indem wir ihm zu hören, schauen wir in uns selbst hinein. Ist uns die Natur eine Mutter, so ist der Wald uns Vatergestalt, seine Bäume sind uns Brüder und die verwunschenen Weiher sind uns Schwestern.

Fern vom Getöse der Menschen erwartet uns im Wald reine Beschaulichkeit.
Kurz ist der „Goldene Oktober“, der ein einziger Herbststrauß zu sein scheint. Kommt der Wanderer durch Buchenwald, versinkt er bis zu den Knöcheln im sanften Laub.



Alte Eiche am Schlosspark - Foto/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner


In einem Laubwald dauert es mitunter bis zu fünf Jahre, bis ein Buchenblatt als solches nicht mehr zu erkennen ist. Bis dahin geht es in Teilen durch Dutzende von Mägen der sogenannten Zersetzer. Also von Tieren, die vom „Abfall“ der Natur leben. Im Laubwald fallen jährlich pro Hektar vier Tonnen Pflanzenmasse an, die es zu verwerten gilt. Mutter Natur bewältigt diese Mengen mit einem Heer von hungrigen Mäulern. Die Erstverwerter der Laubstreu sind Spring-schwänze, Asseln, Milben, Regenwürmer und Tausendfüssler. Diese kleinen Bodentiere können jedoch die pflanzlichen Reststoffe nur durchlöchern. Das weitere Zerkleinern obliegt winzigen Bodenbewohnern, die insgesamt noch einmal das Hundertfache der Regenwürmer auf die Waagschale bringen. Diese Mikrowelt ist mit mehreren Milliarden Tieren pro Quadratmeter so groß, dass sie der Mensch bisher kaum erfassen und bestimmen kann. Diese Winzlinge stellen das Bindeglied zwischen der toten Pflanzenmaterie und den größeren Zersetzern der Streu dar. Einige wenige aus diesem Mikrokosmos sind in der Lage, die schwer verdaulichen Teile wie Zellulose und Lignin zu knacken. Sie besitzen hierfür Enzyme, über die nur wenige Abfallverwerter verfügen. Anschließend machen sich Mikroorganismen über den Nahrungsbrei her. Sie verdauen ihren eigenen Kot mit den darauf lebenden Kleinstlebewesen. Die Energieausbeute erhöht sich damit um mehr als das Doppelte. Entgegen der Welt der Menschen kann die Natur ihre „Abfallprobleme“ äußerst nachhaltig regeln.

Es hat etwas Tröstliches an sich, im Herbst durch den bunten Buchenwald zu wandern. Der Dichter Sepp Skalitzky hat es uns vor einem halben Jahrhundert in den schönen Versen mitzuteilen versucht.

Das letzte Blatt, ein strahlender Gedanke,
schließt ihm die Welt der schönen Träume auf,
vertönt als Scheidegruß des wachen Lebens
im Abendwind, der Gottes Harfen schlägt.

Ich bin ein Blatt, nur an dem Weltenbaume,
bin das Geringste, das der Schöpfer löst
mit seinem Atem, der das Leben lieh,
als Brücke in die ewigen Gefilde.
Es ist so tröstlich wenn die Blätter fallen.
An den zwei Steinen- Blick zum Wilensteinerhof/Foto/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner

Es sind nicht nur die Buchen, die im Herbst in purpurner Farbe zu brennen scheinen. Der wilde Kirschbaum entfaltet um diese Jahreszeit eine üppige Strahlkraft. Erfreut er im Frühling das Herz des Wanderers mit seinen schneeweißen Blüten, so wirkt nun das Rot seines Herbstkleides fast magisch auf uns ein. Aber auch ein Nadelbaum wirft seinen Zauber über uns: wie brennende Fackeln stehen die Lärchen am Bergeshang. In den frühen Morgenstunden funkeln tausende von silberfarbenen Spinnweben in den Büschen. Wie versponnene Elfenlocken scheinen die Fruchtstände des Waldweidenröschens ineinander verwoben, wenn man Mitte Oktober durch die Trippstadter Wälder streift.
 
Birke Foto/Copyrights Ute Knieriemen-Wagmer

 
Fliegenpilz/Foto Copyrights Ute Knieriemen-Wagner

Die unruhig schlanke Birke in ihrem gelbfarbenen Herbstkleid fällt dem Wanderer besonders auf. In ihrer Nähe befinden sich oft die roten Fruchtknollen des Fliegenpilzes. Beide, Baum und Pilz, sind durch Symbiose verbunden.

An den Abenden ist es nun schon sehr kühl geworden. Ein Blick in den Herbststernenhimmel zeigt uns, dass der Winter bald seinen Einzug hält. Tief im Norden werden schon die ersten Vorboten des Winterhimmels sichtbar, insbesondere in Gestalt des Sternbildes Stier, das zumindest für Mittel- und Nordeuropa bereits vollständig aufgegangen ist. Sein Hauptstern heißt Aldebaran, wie ein großes Juwel funkelt er nun am nächtlichen Sternenhimmel.
Herbstzeit ist Wanderzeit!

Freitag, 18. Oktober 2013

Von Wirten und Unwirten im Pfälzerwald - von Hans Wagner



Wenn die Pilze aus dem Trippstadter Waldboden "schießen", ist zumeist Spätsommer oder Herbst. Viele Pilze gedeihen auch das ganze Jahr über, manche sogar im Winter unter Schnee und Eisdecke. Für Pilzsammler scheint es so als ob Pilze dann am besten gedeihen, wenn die Waldbäume zu ruhen beginnen. Eng ist die Verbindung zwischen Baum und Pilz und die Botaniker nennen solche Beziehungen Symbiose. Die Schwammflocke der Pilze verwächst mit dem Wurzelgeflecht eines Baumes. In dieser Beziehung bietet der Baum dem Pilz die benötigten Nährstoffe. Die beiden betreiben sozusagen eine Versorgungsgemeinschaft. Die mit dem bloßen Auge nicht erkennbaren Pilzfäden lassen ein regelrechtes Geflecht um die Saugwurzeln der Bäume entstehen. Beim Steinpilz messen diese Wurzelfäden ungefähr 100 Kilometer. Der Pilz vermag die meist mineralischen Stoffe pflanzlichen und tierischen Ursprungs leichter aufzuschließen und tritt sie als Mineralsalze, Stickstoff und Phosphor an die Baumwurzeln ab. Der Baum wiederum gibt seinem Partner vor allem Kohlehydrate ab. Diese kann er dann am besten entbehren, wenn das Sprossenwachstum beendet ist. So wird auch klar, warum zum Ende einer Vegetationsperiode der Bäume, die Saison der Pilze beginnt.


Fotos /Copyrights Ute Knieriemen-Wagner

Ein Knollenblätterpilz geht nur mit Eichen und Buchen eine "Ehe" ein. Der Fliegenpilz liebt die Birke unter ihnen finden wir ihn am häufigsten, er mag aber auch Fichten und Tannen. Der zimtfarbige Milchpilz hält es nur mit den Eichen. Solch symbiotisch lebende Pilze können genau so alt wie ein lebender Baum werden! Ein biblisches Alter also wenn man bedenkt wie alt vor allem Eichen werden können. Der Pilz ist somit ein unverzichtbares Bindeglied im ökologischen Kreislauf und weil dem so ist, geben sie uns einen guten Zustandsbericht von dem Milieu in dem sie leben.

Jeder weiß Heute, dass durch zunehmende Luftbelastung und Übersäuerung unsere Wälder in einem schlechten Zustand sind. Somit auch viele Pilze, namentlich die Sorten, die in Symbiose mit Bäumen leben, einige davon sind stark im Zurückgehen, was ein eindeutiges Zeichen dafür ist, dass unser Wald an Vitalität eingebüßt hat. Der Pilz ist daher ein ausgezeichneter Gradmesser für die Gesundheit seines Umfeldes.

In den 50zigern Jahren gab es in Mitteleuropa ein drastisches Ulmensterben, Auslöser dafür war eine Pilzkrankheit. Wenn der Pilz der Wirtspflanze, auf der er wächst, keinen Vorteil bietet, spricht man von einem Parasiten–Verhalten: Der Pilz stiehlt sich dann Nahrung von seinem Wirt. Dieser kann darunter letztendlich so leiden, dass er abstirbt.
Der Honigpilz, Birkenpilz und Kiefernmörder sind hierfür bekannte Vorbilder, ebenso der bekannte Hallimasch, bei ihm ist das Verhältnis zu seinem Wirtsbaum, das zwischen Räuber und Ausgeraubten.

Doch nicht nur Bäume, auch unsere heimischen Orchideen und verschiedene Flechtarten und Moose sind auf Pilze angewiesen. Als Einzelkämpfer könnten sie überhaupt nicht überleben, nur in der Partnerschaft mit Pilzen haben sie eine Zukunft.


Fotos/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner

Auch viele Insekten die in Bäumen leben sind auf Pilze angewiesen, so die Larven der Riesenholzwespe. Doch vor allem die Borkenkäfer. In ihrer regelrechten "Vernichtungswut" bedienen sie sich der Arbeit von Pilzen, die der Mutterkäfer in seinem Magen mitbringt und in den Gängen auslegt. Die Pilze treiben Fäden in das Holz und beginnen es zu zersetzen. Die weißen Larven der Käfer leben von den nährstoffreichen Enden der Pilze. Die Larven sind also bestens versorgt, zumal der Mutterkäfer die Exkremente der Jungen aus den Gängen räumt und sogar den Eingang bewacht. Während die Gänge vom Pilz anfänglich noch weiß verfärbt sind, erhalten sie durch die zersetzende Arbeit der Pilze auf Dauer eine schwarze Farbe. Am Schluss fressen die fertigen Käfer  die Pilzkultur restlos auf.
Pilze sind von einem geheimnisvollen Schleier umwoben und noch lange nicht, hat die Wissenschaft ihr wundersames Leben ergründet. 
 

Literaturhinweise:
C.L. Duddington : Baupläne der Pflanzen; suhrkamp TB.
Duddington : Pflanzen als Architekten; suhrkamp TB

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Ernte der diesjährigen Holzkohle

Nach drei langen und anstrengenden Wochen haben die Köhler den Meiler geöffnet um die Holzkohle zu ernten. Hier einige Fotos von der Ernte!
Fotos Ute Knieriemen-Wagner