Mittwoch, 12. Juni 2013

Meditatives Wandern - Die Magie des Gehens

Von Hans Wagner


Meditatives Wandern ist nichts anderes als Meditation im Gehen. Diese Technik ist nicht modern, sondern eigentlich schon recht alt. Die Zen Mönche Japans benutzten dafür den Ausdruck Kinhin und die Taoisten im alten China gebrauchten die Wörter WuWei dafür, was in etwas bedeutet – „Kein Handeln wider die Natur“. Ein buddhistischer Mönch sagte einmal: „das wahre Wunder besteht nicht darin, auf dem Wasser zu wandeln, sondern auf der Erde zu gehen“.
Ich habe meditatives Wandern viele Jahre geübt bevor ich mir erlaubte diese Technik an andere weiter zu geben! Und ich muss gestehen, ich übe immer noch!
Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass sie viel mehr laufen als sie selbst annehmen, weil sie einfach nicht bewusst gehen!

Was ist also der Schwerpunkt beim meditativen Wandern?
Es ist unsere Aufmerksamkeit. Wenn unser Schwerpunkt in unserem Kopf liegt, dann schweifen wir ab. Wir sind nicht wachsam, nicht voll konzentriert auf den Augenblick! Verlagern wir unseren Schwerpunkt auf den Bauch, fällt er zusammen mit unserem körperlichen und unserem geistigen Schwerpunkt. Dann fällt unser Tun mit unseren Gedanken in einem Punkt zusammen. Dann leben wir im Moment, im momentanen Schritt.

Im Birkenhain - Aquarell/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner
Wie verlagere ich nun meinen Schwerpunkt?
Der menschliche Organismus lebt in einem natürlichen Spannungsbogen. Nach der Anspannung folgt die Entspannung, die Regenerierung und Erholung. Dieser natürliche Spannungsbogen ist bei vielen Menschen gestört, sie bleiben im Spannungsbereich, in einer Dauerspannung. Die notwendige Erholung und Regeneration des Organismus, die zu einem ausgeglichenen Leben gehört, ist nicht mehr ausreichend gesichert. Der Mensch gerät dann aus seinem „Gleichgewicht“.
Körper, Geist und Seele stehen in keinem ausgewogenen Verhältnis mehr. Der Mensch funktioniert mehr, als das er lebt. Psyche (Seele) und Soma (Körper) sind eine untrennbare Einheit, die wechselseitig aufeinander reagiert.

 
Während des meditativen Wanderns passiert es fast „automatisch“, dass ich meinen Schwerpunkt verlagere, also das Psyche und Soma eine Einheit bilden. Ist dieser Augenblick eingetreten laufen wir regelrecht in eine spontane Ganzheit von Fühlen und Denken hinein, wir sind jetzt eins mit uns und der uns umgebenden Landschaft.
Das Ziel des meditativen Wanderns ist es also, einen Ruhepunkt in uns zu finden. In einer Gesellschaft, die ihr höchstes Ziel in einer übersteigerten Leistungserbringung sieht, die auf Kosten individueller Selbstver-wirklichung geht, in der Konkurrenzdenken das Klima zwischen den Menschen bestimmt, kann das Individuum krank werden und damit eine ganze Gesellschaft. Übersteigertes Leistungsstreben, mitleidloses Konkurrenzverhalten, entfremdete Arbeit, gesundheitsgefährdende Arbeitsplatzsituationen, Zerstörung der Umwelt sind wahrlich keine Bedingungen für ein ganzheitliches Leben. Hier kann Meditation oder meditatives Wandern zu einer spirituellen Quelle der Harmonie werden. 

Das Rezept des meditativen Wanderns:
Meditatives Wandern führt den Menschen also zur Ganzheit. Das Rezept ist die Übung. Meditatives Wandern führt den Menschen auch ins unbekannte Land der eigenen Seele. Christian Morgenstern schrieb einmal in sein Tagebuch: „Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fernes, fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes Leben nach der einstigen Heimat, ruhlos durchmisst sie das Land nach allen Seiten. Und oft fällt sie zu Boden in ihrer großen Müdigkeit, und man kommt, hebt sie auf und pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen. Aber sobald sie die Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von neuem fort, auf die einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht genügt, die unvermeidliche Suche nach dem Ort ihres Ursprungs.“
Aus ähnlichem mysteriösen Inneren Drang gehen Menschen heute wieder auf Pilgerfahrten. Etwas zieht sie in seinen Bann. Sie möchten nicht zu Hause bleiben, obwohl die Kirche gleich nebenan ist. Sie suchen ein Heiligtum in weiter Ferne. Beim meditativen Wandern ist dieses Heiligtum allerdings nicht in der Ferne es befindet sich in unserem Innersten und wir finden es vor allem in der Natur die wir durchwandern.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Kinderstube in den Alteichen - der Hirschkäfer

Von Hans Wagner


Einst waren Hirschkäfer in Mitteleuropa so häufig, dass jedes Kind die Geweihe der gestorbenen Tiere sammeln konnte. Heute sieht man den „Schröter“, wie der Hirschkäfer auch noch genannt wird, höchst selten! Er musste sogar in die „Rote Liste der gefährdeten Tierarten“ aufgenommen werden. Da man heute in den Wäldern wieder mehr Altholz und vermodertes Stammholz vorfindet, hat auch der Hirschkäfer eine größere Chance zu überleben. Das Männchen kann bis zu acht Zentimeter groß werden, das Weibchen errecht immerhin die halbe Größe. Unverwechselbar sind die Männchen mit ihrem ausdruckvollen Geweih! Dieses „Geweih“ ist eigentlich der verlängerte Oberkiefer, mit dem der Käfer hundertmal so viel bewegen kann wie er wiegt! Exemplare mit einem kleineren Geweih werden der Gattung „capreolus“ zugeordnet, was übersetzt „Rehgeweih“ heißt.

Hat ein Weibchen an einer Eiche eine Stelle gefunden wo Saft austritt, so leckt es von diesem Saft und verspritzt Kot. Damit lockt sie die Männchen an. Diese können mit ihren breitgefächerten Fühlern den Geruch noch weit entfernt wahrnehmen. Kommen mehrere Männchen gleichzeitig an, so kämpfen sie um das Weibchen wobei der Stärkere versucht, den Schwächeren mit Hilfe seines Geweihs vom Baum zu werfen! Dabei geht es aber nicht darum den Gegner zu verletzen oder gar zu töten, dieser Kampf dient lediglich der Auswahl des Stärkeren. Kurze Zeit nach der Paarung sterben die Hirschkäfer. Das Weibchen sucht zuvor noch einen alten Eichenstumpf, oder eine kranke Eiche auf, wo es nahe beim Wurzelstock seine Eier in die Erde ablegt. Mit seinen Kiefernzangen gräbt es dabei in das Holz eine Mulde, indem das tote Holz zu Mulm zerkaut. Daher auch der volkstümliche Name „Schröter“.
Aus den Larven, deren Lieblingsspeise der Holzmulm ist, entwickeln sich die sogenannten „Puppen“. Kurz vor der Verpuppung bauen die Larven noch eine Puppenwiege. Dabei scheint es, als ob sie schon wüssten, ob sie einMännchen oder ein Weibchen werden, denn die zukünftigen Männchen legen die Wiege so groß an, dass ihr noch nachwachsendes Geweih genügend Platz hat. Es dauert zwischen fünf und acht Jahren bis der ausgewachsene Käfer seine Kinderstube verlässt!

Zeichnung/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner


Die erwachsenen Hirschkäfer leben nur einige Wochen. Als Nahrung dient den Tieren der Saft verschiedener Laubbäume, vor allem der von Eichen. Der Wald um Trippstadt und besonders Johanniskreuz ist ein regelrechtes Paradies für diese besonderen Käfer, gibt es hier doch einen ausgedehnten Eichenbestand! 

 
Burgalbspring bei Johanniskreuz - Zeichnung/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner



Von Anfang Juni bis Ende August fliegen sie hier in der Dämmerung auf der Suche nach saftenden Baumwunden. Da diese Baumwunden oft von Baktierien besiedelt sind, die den Zucker zu Alkohol vergären, ist es durchaus möglich, dass ein Käfer nach dem Genuss dieser Speise berauscht vom Baum zu Boden fällt.
An lauen Trippstadter Abenden kann es schon mal vorkommen, dass plötzlich ein lautes Brummen zu hören ist und ein solch imposanter Käfer an einem vorbeifliegt oder sich zu einem kurzen Besuch auf der Terrasse oder im Garten niederlässt. Das ist dann eine wunderbare Möglichkeit sich diese Tiere einmal, in einigem Abstand, in Ruhe anzuschauen und zu bewundern!

Literatur Hinweise:
C.P. Hutter und F.G. Link: Wunderland am Waldesrand
Kosmos Naturführer Insekten