Mittwoch, 6. März 2013

Vom Waldgehölz ins Feldgehölz – eine querfeldein Wanderung durch die Trippstadter Umgebung

von Hans Wagner



In unserer Gemarkung ist der Übergang von der Waldlandschaft in die Kulturlandschaft fließend. Dieses plötzliche Hineintreten in eine andere Landschaft ist immer wieder faszinierend. Aus dem dunklen Fichtenwald hinein in die Feldgehölze zu treten, bedeutet auch eine ganz andere Tier und Pflanzenwelt beobachten zu können.

Zeichnung/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner



Am Nachmittag brechen wir zu einer Wanderung vom Trippstadter Schlosspark zur Wilensteiner Burgruine auf. Diese Route ist besonders schön, führt sie uns doch durch dichten Wald und offene kleinere Sumpflandschaft hinein in das Reich der Feldgehölze. Auf dem Weg können wir nach Frühjahrsblühern Ausschau halten. Alles in der Natur ist im Monat März noch karg. Doch an den Stellen, wo die Sonne öfter hindringt, zeigt sich bereits Blütenleben. Um die selteneren Arten ausfindig zu machen müssen wir die markierten Wege verlassen und durch das dichtere Unterholz laufen. An einer schönen Stelle, versteckt an einem Bachlauf finden wir das Lungenkraut in voller Blüte.






Zeichnungen/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner

 
Im Frühling kann man an dieser Stelle die Blüte dieses Heilkrautes, das der Volksmund Brüderchen und Schwesterchen nennt, bewundern. Ihre rötlich – bläulichen Blüten verzaubern den noch in Winterstarre verharrenden Uferrand des Wildbachs. Am Himmel zieht ein Bussard seine Kreise und der Ruf des Grünspechts begleitet uns, während wir dem Weg des Wassers folgen. Auch die Haselwurz steht schon in Blüte. Ihre veilchenähnlichen Blätter haben das dunkelste Grün aller einheimischen Pflanzen.
Bei der Burg Wilenstein angekommen, überraschen uns die goldgelben Sterne des Scharbockskrautes. Diese Pflanze bevorzugt feuchte Stellen zum Gedeihen und breitet sich dort, wo sie sich wohl fühlt, wie ein Teppich aus. Die Blüte der stinkenden Nieswurz ist fast schon vorbei doch vielleicht finden wir noch ein schönes Exemplar in der Nähe der Burg. Das erste Blühen dieses Frühlingsboten beginnt bereits im Januar. Die alte Erdmutter hat das ungewöhnliche Gedeihen in der kalten Winterzeit auf eine ideale Weise gelöst. Der Pflanze steht nachts Zucker zur Verfügung, der einer wässerigen Lösung einen tieferen Gefrierpunkt gibt. So schadet die Kälte der Pflanze nicht. Sie enthält den Zucker durch Umwandlung aus Stärke. Diese wiederum stellt das Gewächs tagsüber mit Hilfe der Sonne aus Kohlendioxid und Wasser her.
An Tagfaltern begegnen uns die Frühform von Zitronenfalter und Landkärtchen.
Wir lassen die Burg hinter uns und erklettern bald einen steilen Waldhang. Um seine Gipfel zu erreichen müssen einige umgestürzte alte Baumriesen überwunden werden. Starke dicke Tannen und Eichen recken ihre Äste hier in den Himmel, während am Boden majestätisch die Leiber ihrer zum Teil vermoderten Geschwister langsam in Fäulnis übergehen. In diesem Prozess des Sterbens und Gedeihens würde unser Wald ohne die zersetzenden Kräfte von Pilzen, Flechten, Moosen und Insekten nicht überleben. Die Unmengen an Pflanzen- und Holzresten würden ihn ersticken.
Vom Berggipfel aus haben wir einen wunderbaren Ausblick über die unter uns liegende Karlstalschlucht. Von hier aus verlassen wir den Wald für einige Zeit und betreten das offene Weiden- und Wiesenland, dass seinen eigenen Zauber besitzt. Hier spürt man immer sehr deutlich den Geist jener, die in vergangenen Jahrhunderten mühselig dieses Stückchen Erde kultiviert haben. Etwas besonderes sind einige sehr alte und mächtige Eichen die hier stehen. Weit über dreihundert Jahre dürfte das Alter dieser Feld- und Grenzeichen sein. Eine von ihnen hat eine besondere Ausstrahlung. Aus einem gemeinsamen Wurzelstock wachsen drei Eichenstämme heraus und bilden ein harmonisches Drillingsgeschwisterpaar. Jeder Stamm so stark, dass die Arme eines erwachsenen Menschen zu klein sind, diese Baumwesen zu umarmen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich hier eine faszinierende Vielfalt an Pflanzen und Tieren angesammelt und zu einem eigenen Ökosystem entwickelt. Zwischen den Eichen wuchsen niedere Feldgehölze wie Weissdorn und Holunder und in zwei kräftigen Schwarzbirken kann man eine große Anzahl von Wachholderdrosselnestern aus dem vergangenen Jahr entdecken. Die Wachholderdrossel ist ein bevorzugter Bewohner von Feldgehölzen und erst seit etwa 1850 bei uns beheimatet. Sie entstammt dem hohen Norden. Die Ansiedlung diese Drossel bei uns ist auf die Bedeutung der Feldgehölze zurückführen. Die Vögel fliegen von hier aus auf die Wiesen und Felder, wo sie nach Regenwürmern und Insektenlarven suchen. Vor Nesträubern schützen sie sich in gemeinsamer Feindabwehr durch Bespritzen des Angreifers mit klebrigem Kot. Dieses wirkungsvolle Abwehrverhalten würde aber wenig nützen, wenn die Brutkolonien nicht in Feldgehölzen angelegt werden könnten, von denen aus günstige Nahrungsräume unmittelbar erreichbar sind. Große Flugstrecken würden die Nesträuberabwehr beeinträchtigen und so viel Aufwand verursachen, dass nicht genügend Nahrung für die Jungen herbeizuschaffen wäre. Solche Feldgehölze bieten daher beste Lebensbedingungen für die Wachholderdrosseln.
Die größte Artenvielfalt bieten Feldgehölze dann, wenn sich wie hier das Unterholz entfalten kann. Unangemessenes Sauberkeitsdenken ist hier völlig Fehl am Platz und würde solche Biotope zerstören. Es ist eine der Besonderheiten der Trippstadter Landschaft, dass man hier tiefe Wälder, kleinere Sumpfgebiete und offene Kulturlandschaft eng nebeneinander antrifft.

Im Sommer verwöhnt die Trippstadter Landschaft den Wanderer ganz besonders. Wer in den Monaten Juli und August hier wandert sollte unbedingt auch einmal eine Vollmondwanderung unternehmen. Am besten beginnt man damit in den Dämmerstunden im Trippstadter Schlosspark. Vor allem Anfang Juli wenn die Glühwürmchen hier ausschwärmen und die Fledermäuse den historischen Park durchfliegen. Es ist schon etwas besonderes in einer Vollmondnacht von hier aus zur Burgruine Wilenstein zu wandern. Begleitet werden wir vom Ruf des Waldkauzes, der in den Nächten regelmäßig hier zu hören ist und eine solche Wanderung zu einer unvergessenen Erinnerung werden lässt.
Vor allem Kinder werden ein solches Erlebnis als ein ganz besonderes Abenteuer in Erinnerung behalten.

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