Dienstag, 13. November 2012

Über die Kunst des meditativen Wanderns



Der Wald als Psychotherapeut - von Hans Wagner

Wandern ist Erlebnis. Therapie auch. Die Verbindung von Wandern und Therapie kann ich nur erfahren und erleben, wenn ich selbst wandere, weil ich mich dann selbst erfahre und bemerke, dass Wandern eine innere und äußere Angelegenheit ist.
Als Wanderführer ist es meine Aufgabe Menschen durch den Wald zu führen und dabei mit den Gästen Gespräche zu führen. Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen während einer Wanderung durch die Natur tiefere Gespräche führen, als wenn sie sich gerade mal auf der Straße oder in einem Café treffen.


Die Natur ist nicht nur die größte Lehrmeisterin sondern auch die beste Therapeutin. Ich persönlich begebe mich einmal am Tag in eine Therapiestunde, nämlich dann, wenn ich mich zu einer Wanderung aufmache. Meditatives Wandern ist mehr, als nur laufen. Es ist eine kleine Lebenseinstellung. Therapie wie ich sie verstehe, hat vor allen Dingen etwas mit Wachstum zu tun, einem inneren ganzheitlichen Wachstum. 
Aquarell/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner

Im Wald, in der freien Natur, fällt vieles von uns ab was uns ansonsten im täglichen Leben belastet. Man findet sehr viel schneller zu sich selbst, zu seinem „inneren Kern“, jenem Teil von uns, den man in der Philosophie „Selbst“ nennt, also zu dem Wesen das wir in Wirklichkeit sind.
Es gibt Menschen die versuchen jemand anderes zu sein als sie selbst es sind, warum auch immer. Solche Menschen haben das gleiche Problem wie jene die meinen, dass die schönste Zeit die sie in ihrem Leben verbracht haben irgendwo in ihrer Vergangenheit liegt. Das ist ein Trugschluss! Andere glauben, dass ihr Bestes in der Zukunft liegt und sind fest davon überzeugt, dass irgendwann einmal das Happy–End an ihre Tür anklopft. Wer so lebt, der rennt einer Illusion nach. Die Natur lehrt uns, dass wir unser Leben im Hier und Jetzt gestalten müssen.
Wir haben das Leben uniformiert und es seiner ursprünglichen Vielheit beraubt. Uns interessiert nicht mehr das Ganze sondern nur ein Teilausschnitt. Wir ahnen eine Innenwelt, doch wir flüchten in die Außenwelt. Anstatt die beiden „Welten“ zu verbinden, nämlich die Immanenz des Transzendenten im diesseitigen Leben zu erkennen und die tiefere Wesenheit von uns selbst im Alltag zu finden.
Der große Vorteil beim meditativen Wandern ist die relativ schnelle Erfahrung, dass ich mich während des Wanderns ganz im Hier und Jetzt aufhalte. Dass ich das Gefühl in mir spüre, ganz bei mir selbst zu sein.
Wandern bedeutet nicht Energie abzugeben, sondern das Gegenteil ist der Fall: Ich lade neue Energie auf!
Bei jeder Wanderung erlebe ich Neues, mit jedem Schritt den ich im Wald tätige, entgehe ich der inneren Versteinerung und Lethargie. Dies ist jedes Mal der Gedanke in mir, wenn ich mich zu einer Wanderung aufmache.
Das, was uns als erstes im Wald fasziniert, manchmal auch ängstlich macht, ist die Stille. In den Wäldern spüren wir plötzlich eine bisher unbekannte Freiheit, die es uns erlaubt, mit dem wesentlichen des Lebens in Kontakt zu treten. Es ist die Stille des Waldes, die uns eine bisher nicht gekannte, schweigende Aufmerksamkeit schenkt. Fern dem unbarmherzig ewig geräuschvoll laufenden Motor der Großstadt finden wir im Wald nun eine ganz andere psychologische Dimension der inneren Einkehr und Ruhe vor. In einer Zeit der entfesselten Mächte, der ökonomischen Unsicherheiten und ökologischen Katastrophen wird uns der Wald zu einer Insel der Erholung, zu einem Ort der Therapie und des inneren Wachstums.

Die tiefen Wälder um Trippstadt laden uns dazu ein, einmal eine meditative Wanderung zu uns selbst zu machen um gestärkt und aufgeladen mit neuer Energie, die uns der Wald kostenlos zur Verfügung stellt, zurück in unser Alltagsleben zu treten.

Erich Kästner hat es in seinem Gedicht „Die Wälder schweigen“ treffend beschrieben, im letzten Vers des Gedichtes heißt es:

„Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.“

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