Freitag, 9. November 2012

Sankt Martin und der Landstreicher



Eine Erinnerung an meine Kindheit von Hans Wagner

Als ich noch ein kleiner Junge war, erzählte mir meine Großmutter jedes Jahr zum Sankt Martinstag ihre Martinsgeschichte. So wie sie diese Erzählung schon von ihrer Großmutter gehört hatte. Hier ist diese Geschichte:

Einst lief ein alter Bettler fröstelnd durch die eiskalte Novembernacht. Wie Diamanten blinkten am Himmel die Sterne, und der unruhige Vollmond wanderte zwischen ihnen. Wie ein kosmisches Gemälde flackerten die Sterne im ganzen Universum. Der Landstreicher war müde, desto mehr freute er sich, als er plötzlich vor einer halbzerfallenen, uralten Scheune stand. Knarrend drückte er die Tür zur Scheune auf. Durch ein Loch im Dach drang gerade so viel Mondlicht in die morsche Feldhütte, dass er in einer Ecke, unter einer Futterkrippe eine Lage Heu erkennen konnte. Durchfroren wie er war, schlüpfte er mit seinem alten, durchlöcherten Mantel unter das Heu, das ihm ein wenig Wärme schenkte. Es dauerte nicht lange, da schlief der alte, zerlumpte Landstreicher auch schon ein. Mitten in der Nacht schreckte er auf. Ihm war, als hätte er eine Stimme gehört.
„Ist hier jemand?", fragte er in die Dunkelheit hinein. „Zünde mich an!", hörte er mit einem Mal eine Stimme sagen. „Wer bist du? Wer spricht zu mir?", rief der alte Bettler ängstlich. „Ich bin die Laterne, die an der Tür hängt. Nimm mich ab und zünde mich an!". Der Landstreicher kroch aus seinem Heulager und ging zur Tür. Dort zündete er ein Zündholz an und – tatsächlich! An der klapprigen Tür hing eine uralte, verstaubte Laterne in der noch ein Kerzenstumpen steckte. Er hielt das Zündholz durch das zersprungene Glas der alten Laterne, sofort flackerte ein warmes Kerzenlicht auf und das Innere der alten Scheune wurde ein wenig erhellt.
„Ach, ist das schön!“, sagte die Laterne. Der Alte stellte sie auf den Boden, schlüpfte wieder unter sein Heulager und betrachtete verwundert die uralte Laterne. Eine Lampe die sprechen konnte, so etwas war ihm in den vielen Jahrzehnten seiner Wanderschaft und Ruhelosigkeit auch noch nicht passiert.
„Wundere dich nicht!", sagte die Laterne zu ihm. „Ich bin Martins Laterne!".
„Martins Laterne?", fragte der alte Mann. „Ja, die Laterne des Heiligen Martin von Tours. Du kennst doch den Heiligen Martin und seine Geschichte?". „Nun ja, ein wenig", sagte der Landstreicher beschämt. „Ein wenig?", fragte die Laterne verwundert zurück, „dann weißt du auch nicht, dass heute die Nacht des Heiligen Martins ist?". „Nein", kam die Antwort aus dem Heulager. „Dann werde ich sie dir nun erzählen", meinte die alte Laterne.
Es war jetzt richtig gemütlich geworden in der zerfallenen Feldscheune. Das Kerzenlicht wärmte tatsächlich mit einem Mal wie ein kleiner Ofen. Das Heu duftete. Lieblich funkelten Mond und Sterne durch das halbzerfallene Dach und die Laterne begann die Geschichte des Heiligen Martin zu erzählen.


„Um das Jahr 317 n. Ch. wurde Martin in einer Stadt des heutigen Ungarn geboren. Sein Vater war dorthin als römischer Offizier versetzt worden. Auf Wunsch seines Vaters musste Martin mit 15 Jahren Soldat werden. Er kam in die kaiserlich berittene Gardetruppe die mit schönen, weiten Mänteln eingekleidet waren. Als der römische Kaiser junge Soldaten ins heutige Frankreich schickte, war auch Martin unter ihnen". „Und du warst auch dabei?", fragte der Landstreicher ungläubig, doch voller Staunen. „Ja, ich war dabei, ich bin Martins alte Laterne", drang es blechern aus ihr heraus. „Aber jetzt höre endlich zu!".
Und die Martinslaterne erzählte ihre Geschichte:
„Alles begann in einer kalten Winternacht, die Tore der kleinen Stadt sollten bald schließen. Nur in ein paar Wirtshäusern brannten vereinzelt noch Lichter. Dort saßen die Soldaten zusammen. Die Gesichter der Männer waren rot und erhitzt vom Würfelspiel. Martin hatte sein Geld beim Spiel verloren.
„Kommt ins Lager Männer", drängte er. „Morgen müssen wir früh aufstehen!" – Die anderen lachten.
„Hast dein ganzes Geld verloren Martin, und nun keine Lust mehr zum Spiel!".
Aber dann standen sie auf und zahlten ihre Zeche. Martin war beliebt bei ihnen. Martin griff mich und wir gingen in die kalte Nacht hinaus. Es hatte sehr stark und viel geschneit, Martin zog den Kragen hoch, ihn fror. Sein Pferd wieherte leise und freundlich als er aufstieg. In den Straßen herrschte tiefe Stille. Langsam ritten wir los. Die anderen waren schon ein großes Stück voraus.
„Martin!", riefen sie, „komm schneller und leuchte uns mit deiner Laterne!".
Aber Martins Pferd lief ruhig durch die verschneiten Straßen. Die anderen hatten das Stadttor schon erreicht, da blieben sie stehen.
„Martin", johlte einer der Männer „schade, dass du kein Geld mehr hast! Den letzten Heller hättest du diesem hier geben können!". Alles lachte, außer Martin und der Trupp setzte sich wieder in Bewegung.
Martin und ich waren nun auch beim Stadttor angelangt. Ich leuchtete auf die Straße, und im trüben Licht, konnten wir den Menschen erkennen der dort saß, in der kalten Nacht nur in Lumpen gehüllt. Er zitterte vor Kälte. Schnee war in seine Bettelschale gefallen, aber nicht ein einziger Heller.
Martin sprang vom Pferd und sah den armen Mann an. „Die andern haben Recht", sagte er.
„Nichts habe ich mehr, alles habe ich verspielt!". Er war bedrückt, aber plötzlich hellte sich sein Gesicht auf: „Alles was ich dir geben kann, ist das hier!".
Er riss sich den schweren roten Mantel den er anhatte, den einzigen den er besaß, von den Schultern. Mit einem Hieb seines Schwertes teilte er ihn. Einen Teil legte er dem Bettler um und griff kurz nach der Schulter des armen Menschen. Dieser reckte den Arm und wollte ihm danken, aber schon schwang sich Martin auf sein Pferd und ritt davon, den anderen hinterher die jenseits des Tores warteten.
In dieser Nacht schlief Martin sehr unruhig. Einmal fuhr er hoch, weil er dachte, er hätte mein Licht nicht gelöscht. Aber ich lehnte ganz dunkel an der Tür.
Aber es stimmte:
Das Licht in jener Nacht schien besonders hell und mir kam es so vor, als würde ich den Bettler am Fenster sehen mit Martins rotem Mantel. Er lächelte Martin zu und um seinen Kopf erschien ein helles Leuchten.
Von diesem Erlebnis fühlte Martin sich so angesprochen, dass er den Wunsch hatte, Christ zu werden. Der Bischof von Amiens taufte Martin. Er war 18 Jahre alt und wollte kein Soldat mehr sein, er gab dem Kaiser sein Schwert zurück. Bischof Hilarius unterrichtete Martin in der christlichen Religion. Sie wurden große Freunde.
Als der Bischof der Stadt Tours starb, wollten die Menschen Martin zum Bischof. Er erschrak darüber, denn er wollte nicht Herr sondern Diener der Menschen sein. Als Bischof von Tours wurde Martin über achtzig Jahre alt. Er starb wahrscheinlich an einem 11. November. Seit seinem Tod besuchen die Menschen sein Grab in der Kathedrale von Tours in Frankreich."

Als die Laterne ihre Geschichte erzählt hatte, war auch der Kerzenstummel abgebrannt.
Es wurde dunkel in der zerfallenen Scheune. Andächtig hatte der Landstreicher der alten Martinslaterne zugehört. Irgendwann schlief er ein.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, hatte es geschneit. Sofort dachte er an das Erlebnis der vergangenen Nacht, aber nirgends konnte er die Laterne finden. Er verließ die Scheune und nahm wieder sein tägliches unstetes Leben auf. Doch kein Tag sollte von nun an im Leben des Bettlers vergehen, da er nicht wenigstens einmal an den Heiligen Martin dachte, den Schutzpatron der Armen und Verachteten.

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