Freitag, 8. Juni 2012

Wildgemüse und Heilkräuter in den Wiesen und Wäldern um Trippstadt von Hans Wagner


Bereits Anfang März kann der Naturliebhaber von seinen Spaziergängen durch die Trippstadter Landschaft Heilkräuter und Wildgemüse mit nach Hause nehmen. Naturbewusste Menschen und Kräuterkundige tragen bestimmt nicht zur Ausrottung oder Gefährdung einer Pflanzenart bei, sehen sie doch Wildkräuter als ein Geschenk von Mutter Natur an und begehen an ihr keinen Raubbau. Denn eine alte Weisheit der Wurzel und Kräuterkundigen sagt: „Man schützt, was man schätzt.“
Die meisten Wildgemüse sammelt man im Frühjahr und im Frühsommer, Heilkräuter bis in den Herbst hinein. Im Frühjahr sind die Pflanzengewebe besonders saftig und zart, sie erhalten viel Eiweiß, während sie im Hochsommer und Herbst bereits zäh und trocken schmecken. Auch haben wir im Frühling den größeren Bedarf an frischem Grün mit seinen Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen. Wohl zieht es uns zu dieser Zeit auch besonders stark hinaus in die erwachende Natur, um Teil zu haben an ihrem nun ständig wachsenden grünem Kleid.
In früheren Zeiten war das Band, das den Menschen mit der Natur verband, weitaus enger geknotet als dies heute der Fall ist. Der Mensch von heute täte sich zweifelsohne etwas Gutes an, würde er das alte Band Natur – Mensch wieder enger binden und somit wieder in einen natürlichen Kreislauf eintreten. Jahrtausende lang war die Pflanze das einzige Heilmittel, das der Mensch kannte und nutzte. Ohne chemische und pharmakologische Kenntnisse zu besitzen, verließ sich der frühe Mensch auf seinen gut entwickelten natürlichen Spürsinn auf seine Intuition, wenn er Heilkräuter und Heilgemüse sammelte. Vergessen wir nicht, dass sich unter unseren heimischen Pflanzenarten auch einige sehr giftige befinden.

Zeichnung/Copyrights  Ute Knieriemen-Wagner
Wie nun könnten unsere Vorfahren zu ihrem Kräuterwissen gekommen sein? Wir wissen von Heilkräuterrezepten aus ältester, vorwissenschaftlicher Zeit, die exakt mit den neuesten wissenschaftlichen Forschungen übereinstimmen. So wurde zum Beispiel der Baldrian schon im 9. Jahrhundert vor Chr. als Heilpflanze mit beruhigender Wirkung erwähnt. Doch erst Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836) konnte dies wissenschaftlich nachweisen. Gewiss hat die Beobachtung der Tierwelt mit dazu beigetragen, dass sich der Mensch sein Wissen über Kräuter selbst beibringen konnte und mit der Zeit spezialisierten sich einige, wurden zu Schamanen und Kräuterkundigen.

Wir wissen, dass Hunde und Katzen ihr Bauchweh mit spitzen Gräsern lindern und dass kranke Schafe Schafgarbenkraut fressen. Ein an Bilsenkrautvergiftung leidender Eber heilt sich mit Hilfe der frischen Eberwurz. Mäuse legen sich gerne einen Vorrat an Pfefferminzen an, um im Winter leistungsfähig zu bleiben. Bären stärken sich in den ersten Frühlingstagen mit dem würzigen Bärlauchkraut.
Ameisen pflanzen über ihren Wohnungen Thymian an. Verletzte Gemsen wälzen sich im Alpenwegerich. Die Schwalben öffnen ihren ausgeschlüpften Jungen die Augen mit dem Saft des Schöllkrautes. Die Dohle hält ihr Nest mit Tomatenblättern von Flöhen frei. An Gliedsucht leidende Kühe betten sich in Hahnenfuß, während die von der Schlange gebissene Eidechse Heilung bei der Kamille sucht.


Zeichnung/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner
Einige dieser Beispiele mögen dem Volksglauben entstammen, andere wiederum stützen sich auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse. Sicher aber dürfte sein, dass der Mensch die Grundlage seiner Volksmedizin über das Verhalten der Tiere fand. Ein wesentlicher Faktor für die Gesundheit unserer Vorfahren bildete unter anderem auch das Wildgemüse, das sie im Frühjahr zu sich nahmen. Bereits im März dienten ihnen Bärlauch, Brunnenkresse und Löwenzahn nicht nur als Nahrung, sondern sie vermochten gleichzeitig, den Körper zu beleben und ihn nach einem langen und harten Winter wieder widerstandsfähig zu machen. Im Juni gab es den Fenchel und den Bitterklee, im Juli folgten Borretsch, Eibisch und Melisse. Im August Majoran, Thymian und Labkraut. Im Herbst war dann Beeren- und Pilzzeit.
Zeichnung/Copyrights Ute Knieriemen-Wagner
Tausende von Jahren hatte der Mensch kein anderes Heilmittel gekannt außer Pflanzen. Und noch bei Paracelsus lesen wir: "Eure Wiesen, Hügel und Matten sind Apotheken". Eines der beliebtesten Wildgemüse ist der Bärlauch. Er blüht von Mitte März bis Juli, geerntet wird er vor der Blüte. Kleingehackt verwendet man ihn zu Salaten, Saucen und Suppen. Er gibt auch ein vorzügliches Gemüse ab. Sein Knoblauch ähnlicher Geschmack ist milder als beim Gartenknoblauch und verursacht mäßig genossen keinen üblen Geruch. Die Brennnessel ist jedem als Heilkraut bekannt. Im März und April geerntet, kann man einen vorzüglichen Spinat daraus herstellen. Den Sauerampfer benutzt man als Suppengemüse und Spinat. Er ergibt einen sehr guten Salat. Die Vogel-Sternmiere wächst fast das ganze Jahr über, man nutzt dieses vitaminreiche Kraut als Beigabe in Suppen, Gemüse und Salaten. Beim vitaminreichen Scharbockskraut muss man aufpassen. Man darf es nur vor der Blüte verwenden. Die Blütenknospe, Blätter und Stengelspitzen kann man zu Gemüse kochen. Die Blütenknospen in Essig eingelegt, ergeben eine kapernähnliche Beilage zu Fleischgerichten. Eine sehr aromatische Pflanze ist der "Hederich" unser heimischer Acker-Rettich. Vor der Blüte sammelt man die jungen Blätter und Sprossen, welche nach Abkochen in Salzwasser als Gemüse oder würzende Beigabe gegessen werden. Die Samen können zu einem aromatischen Senf verarbeitet werden.

Der Gemeine Frauenmantel, ein bekanntes Heilkraut eignet sich für Salate. Die säuerlich schmeckenden Blätter des Wiesenklees verwendet man ebenfalls für Salate, aber auch für Kräutersuppen und Gemüse. Eingelegt in Zucker bekommen sie ein besonderes Aroma. Ziest, Wegerich, Gänseblümchen und Löwenzahn zählen zu den klassischen Wildgemüsepflanzen. Der Wiesenbocksbart, eine gelblich blühende Wildblume, ist eine sehr vielseitig verwendbare Pflanze. Die Wurzeln werden wie Schwarzwurzeln zubereitet, die jungen Sprossen ergeben ein Spargel ähnliches Gericht, die zuckerhaltigen Blätter können roh gegessen oder auch wie Spinat zubereitet werden. Die Artenvielfalt unserer heimischen Wildpflanzen, die wir als Speisepflanzen verwenden können, ist groß, die hier beschriebenen Pflanzen sind nur eine kleine Auswahl.

Alle hier beschriebenen Arten werden auch im getrockneten Zustand als Heiltees genutzt. Dies hatte wohl auch der bekannte Schweizer Kräuterpfarrer Künzle gewusst als er schrieb: "Eure Nahrung soll Heilnahrung sein". Denn jede Pflanze stellt selbst eine Ganzheit dar und ein ganzheitliches Mittel wird einer ganzheitlichen Gesundheit dienen.

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