Freitag, 30. März 2012

Ein Osterspaziergang

Es ist die Zeit da uns nichts mehr im Hause hält. Mit aller Macht zieht es uns hinaus in die aufblühende Natur. Wohl kaum eine andere Jahreszeit wird derart herbeigesehnt wie der Frühling und sein Mittelpunkt ist die Osterzeit. Die lindwärmenden Sonnenstrahlen locken nicht nur zartes Grün aus dem Boden sondern wecken auch die Wanderlust des Menschen. Die Singvögel schmettern ihre Lieder in den Pfälzerwald hinein und die Vielstimmigkeit der Pfälzer Erde spüren wir mit einem Mal als geheimnisvoller Inspirationsquell in unserem Innern. Es scheint als seien die Lieder der Waldvögel ein einziger Hymnus an die alte Frühlingsgöttin Ostara, die bei den Germanen in hohem Ansehen stand, das Osterfest ist nach ihr benannt und sie gilt als Herrin des aufsteigenden Lichts und der Morgenröte.

Aquarell Ute Knieriemen-Wagner
Der Hase war das heilige Tier dieser Göttin aus dem der Volksglaube später unseren wohlbekannten Osterhasen machte. Auch das schöpfen des Osterwassers ist ein uralter Brauch. Sein Ursprung liegt in heidnischer Zeit. Das Wasser gilt als Ursymbol des Lebens und der Fruchtbarkeit und wurde bei den Germanen zum Gedenken an die Frühlings- und Fruchtbarkeitsgöttin Ostara verehrt. Nach dem Volksbrauch muss das Osterwasser in der Nacht von Samstag auf Ostersonntag zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang aus einem Bach geschöpft und schweigend nach Hause getragen werden. Es dient als Heil- und Schönheitswasser. Wer im Pfälzerwald zu Hause ist oder seinen Osterurlaub hier verbringt, denn zieht es am frühen Ostersonntag hinaus in die frühlingshafte Natur.

Zur Frühlingszeit ist eine Wanderung entlang der Moosalb ein echtes Naturerlebnis. Eines der schönsten Täler im Pfälzerwald ist das schluchtenartige, wildromantische Karlstal. Der Wanderweg folgt dem singenden Waldbach. Moose, Farne und seltene Wasserpflanzen überraschen den Wanderer ebenso wie die dunklen und manchmal fast schon düster wirkenden Berghänge. Die Moosalb selbst ist ein faszinierendes Naturelement und der naturbewusste Wanderer merkt bald, dass man nicht unbedingt das Meer oder die großen Flüsse und Ströme zur Erholung benötigt, die kleinen Bäche unserer pfälzischen Heimat umgibt ebenfalls ein großes Naturmysterium. Sie sind nie gleich. Jeder von ihnen hat seine eigene Wesensart, jeder seine sichtbaren und unsichtbaren Bewohner. Jeder Wildbach hat wie der Mensch auch einen Körper und eine Seele, ja diese fließenden Gewässer besitzen sogar einen Geist, denn es gibt keine unbelebte Natur. Ist das Ufer der Körper, so ist das Wasser die Seele der geheimnisvollen Waldbäche des Pfälzerwaldes und ihr Murmeln und Rauschen können wir als den Geist dieser wilden Wasserläufe deuten. Das Wasser ist auch ein grandioser Künstler, es formt die Ufer unserer heimischen Bäche zu wahren Kunstwerken, der Wanderer muss nur ein Auge für solche Besonderheiten besitzen.

Entlang der Moosalb gibt es viel zu sehen und zu bestaunen. Das geschmeidige Gefieder des Eisvogels blitzt im Düster des Waldes kurz auf. Die Wasseramsel gleitet geschickt über die Strömung. Moose, Farne und Flechten winden sich um große wie Zentauren erscheinende Felsen und das erste Grün von Weide, Birke und Holunder verzaubern die Ufer. Wie Trolle und Kobolde ragen abgestorbene Äste und Baumstämme aus dem eiskalten Wasser und versumpften Ufer. In ausgewaschenen Sandsteinen verstecken sich Molche und Kröten, Mücken und Libellen tanzen über dem grünen Nass. Elegant gleiten Bachforellen gegen die Strömung. Am lieblichsten klingt das Lied der Moosalb am frühen Morgen oder in der Abenddämmerung. In einem gemeinsamen Konzert mit den gefiederten Bewohnern dieser Gegend vermischen sich Wasserrauschen und Vogelsang zur wahren Stimme des Pfälzerwaldes. Der Wanderer spürt dann besonders intensiv, dass es in der Natur nichts erstarrtes, nichts robotisches gibt, die Natur kennt keine Tristesse, alles hier erscheint uns als Teil eines ewigen Werdens.

Erscheinen uns die abgelegenen Seen und dunklen Waldwoge als die Augen des Pfälzerwaldes, dann sind die wilden Bäche die ihn durchfließen seine Venen und Adern. Wir Menschen haben Gemeinsamkeiten mit den unruhigen Wildbächen des Pfälzerwaldes allerdings sind unsere Quellen meistens verborgen, bei manchen sogar verkarstet. Sowie die Bäche in die großen Flüsse und Ströme münden, wie sie rauschend von ihren starken Geschwistern empfangen werden, so ist auch der Mensch ein Empfangender der ihn umgebenden Natur. Eine solche Wanderung erscheint uns wie eine Wiederverzauberung mit der Natur, die sich dem Zugriff des rationalen entzieht die uns eben "verzaubert".

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