Donnerstag, 23. Februar 2012

Als Goethes Geist auf Trippstadt fiel – eine Liebesgeschichte aus der Weltliteratur - von Hans Wagner

Geliebtes gibt es, das im Sarge ruhen bleibt, vielleicht am
trauernsten beweint um sein Totsein; und andres gibt es, das
jeglichem, was uns sich noch ereignen mag, lebendig
antwortet, in Zwiesprache, als würde es selber daran immer
erneute Wirklichkeit, weil sie das anrührt, was uns mit Tod
und Leben ewig zusammenschließt.
Lou Andreas – Salome


Friederike und Goethe
Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner

Wer einen Spaziergang über den Trippstadter Friedhof unternimmt findet in der vierten Grabreihe links ein Grabmal aus Sandstein mit einem aufgesetzten eisernen Kreuz. Hier liegt Carl Friedrich Brion begraben, ehemaliger Hüttenwerksleiter der Gienantschen Werke in Trippstadt und Neffe von Friederike Elisabeth Brion, einer Jugendliebe von Johann Wolfgang von Goethe, die in Sesenheim, bei Straßburg gelebt hatte.
Als Goethe 1770 Friederike Brion kennen lernte, entwickelte sich aus dieser Beziehung eine der bekanntesten Liebesepisoden der deutschen Literaturgeschichte. 



Goethe studierte zu dieser Zeit in Straßburg. Dort begegnete er auch dem Schriftsteller und Arzt Jung-Stilling, der als Professor das Fach Forstwirtschaft an der „Kameral Hohen Schule“ in Kaiserslautern inne hatte. Dieser „Wahl Lauterer“ der auch praktizierender Augenarzt war, nähte sich als gelernter Schneider im „Spinnrädl“ in Kaiserslautern seine Hosen selbst. Johann Heinrich Jung-Stilling, dessen Großvater Köhler im Siegerland war und dem er als Kind oft beim „Köhlern“ half, soll auch des öfteren im Trippstadter Schloss zu Besuch gewesen sein.

Im Herbst 1770 unternahm Goethe zusammen mit seinem Elsässer Freund Friedrich Leopold Weyland ausgedehnte Ausritte in die Umgebung von Straßburg. Bei einem dieser Ausflüge lernte er „Rikchen“, wie er sie dann liebevoll nennen sollte, kennen. In „Dichtung und Wahrheit“ berichtet uns Goethe vierzig Jahre später über diese erste Begegnung mit Friederike Brion: „Schlank und leicht,…schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorgen geben könnte…“
An anderer Stelle schreibt Goethe in „Dichtung und Wahrheit“: „Es gibt Frauenpersonen die uns im Zimmer besonders wohlgefallen, andere, die sich besser im Freien ausnehmen; Friederike gehörte zu den letzteren.“
Goethes Liebe zu Friederike war eine sehr arkadische Liebe. Es folgten viele „folles chevaucheès“ (tolle Ritte) Goethes nach Sesenheim denen ausgedehnte Aufenthalte im Hause der Brions folgten. Unbeobachtet durchstreiften er und Friederike die Umgebung von Sesenheim, unternahmen Wasserfahrten zu den damals noch näher an den Ort heranreichenden Rheininseln, sie besuchten Bekannte Friederikes, mit denen sie Pfändnerspiele veranstalteten oder bis spät in die Nacht dem Tanzvergnügen huldigten. Ein Jahr lang wurde Sesenheim nun für Goethe „der Mittelpunkt der Erde“.

Es war zweifelsohne die Ausstrahlung Friederikes die bei Goethe „unversehens die Lust zu dichten“ aufkeimen ließ, die Quelle der Poesie, die Goethe „lange nicht gefühlt hatte“, trat, mit aller Macht wieder hervor. Es waren genau diese „Sesenheimer Lieder“, die so bedeutungsschwer in den „Sturm und Drang“ einflossen. Diese Liebesgedichte, die Goethe manchmal mit „bemalten Bändern“, an „Rikchen“ schickte, sollten den Ruf Goethes als Lyriker begründen und Literaturgeschichte schreiben. Im Mai 1771 dichtete er in Sesenheim am frühen Morgen:

„Erwache Friederike,
vertreib die Nacht,
die einer deiner Bilder,
zum Tage macht.
Der Vögel sanft Geflüster
ruft liebevoll,
das mein geliebt Geschwister,
erwachen soll.“

Viele berühmte Lieder Goethes, wie das „Mailied“ entstanden in Sesenheim. Im Nachwort von Goethes Liebesgedichten, schreibt Emil Staiger: „In aller Einfalt kündigen diese Verse jenes Wechselspiel von Geben und Empfangen an, auf dem für Goethe die glückliche Liebe und damit der Sinn des Lebens beruht, eine Liebe, die von vorneherein die ganze Welt umfasst: Wie er Frederike liebte, so liebt die Lerche Gesang und Luft und lieben die Morgenblumen den Himmelsduft. Die Liebe, die sein Herz beseligt, ist dieselbe Liebe, die als göttlicher Hauch das All durchdringt.“

Aber es sollte keine Liebe von Dauer sein. Schon im Frühjahr 1771 dachte er, der seine unruhige Seele mit dem „Wetterhähnchen drüben auf dem Kirchturm“ verglich, daran die Beziehung zu beenden. „Es waren peinliche Tage“, erinnerte er sich in „Dichtung und Wahrheit“ an den für viele Jahre letzten Besuch bei Friederike, der am 7.August 1771 stattfand: „Als ich ihr die Hand noch vom Pferde reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und mir war sehr übel zu mute.“
Eine Woche später nahm Goethe Abschied vom „herrlichen Elsass“ und kehrte aus Straßburg über die Pfalz nach Frankfurt zurück.
Am 28.September 1779 schrieb Goethe an Frau von Stein über seinen Besuch, denn er acht Jahre später bei der Familie Brion tat: „Die zweite Tochter von Hause hatte mich ehemals geliebt, schöner als ich’s verdiente, und mehr als andere, an die ich viel Leidenschaft und Treue verwendet habe; ich musste sie in einem Augenblick verlassen, wo es ihr fast das Leben kostete, sie ging leise darüber hinweg, mir zu sagen, was ihr von einer Krankheit jener Zeit noch überbliebe, betrug sich allerliebst mit so viel herzlicher Freundschaft, vom ersten Augenblick, da ich ihr unerwartet auf der Schwelle ins Gesichte trat und wie wir mit den Nasen aneinander stießen, dass mir ganz wohl wurde. Nachsagen muss ich ihr, dass sie auch nicht durch die leiseste Berührung irgend ein altes Gefühl in meiner Seele zu wecken unternahm. Sie führte mich an jede Laube und da musste ich sitzen, und so wars gut…Die Alten waren treuherzig, man fand, ich sei jünger geworden. Ich blieb die Nacht, und schied den andern Morgen bei Sonnenaufgang, von freundlichen Gesichtern verabschiedet, das ich nun auch wieder mit Zufriedenheit an das Eckchen der Welt hindenken und in Friede mit dieser Ausgesöhnten in mir leben kann.“

Friederike Brion hatte nie geheiratet. Als sie 1813 starb setzte man ihr eine Grabinschrift die lautete: „Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie, so reich, dass er Unsterblichkeit ihr lieh.“

Jahre zuvor dichtete der unglückliche Dichter Michael Reinhold Lenz, der sich unsterblich in Fredericke verliebt hatte:

Denn immer, immer doch
schwebt ihr das Bild an Wänden nach,
von einem Menschen, welcher kam
und ihr als Kind das Herzen nahm.
Fast ausgelöscht ist sein Gesicht,
doch seiner Worte Kraft noch nicht.

Der in Trippstadt begrabene Neffe von Frederike Brion, war zeitlebens nicht gut zu sprechen auf den Genius der europäischen Literatur.
Das alte Grab auf dem Trippstadter Friedhof ist nicht nur ein Kulturdenkmal sondern steht auch als eine, wenn auch sehr kleine, kulturelle Verbindung Trippstadts mit dem sprachmächtigsten Dichter der Literaturgeschichte.
An Carl Friedrich Brion erinnert auch eine nach ihm benannte Straße im Trippstadter Ortsteil Langensohl.


Literaturhinweise:
·          Goethes Liebeslyrik, Herausgeber H.G. Gräf, Nachwort Emil Staiger, Insel Verlag
·          Peter Boerner – Goethe, rororo Monografie
·          Heimatjahrbuch des Landkreises Kaiserslautern 2006, dort: „Der Lauterer Autor Heinrich Jung“ von Gerhard Weiß