Montag, 30. Januar 2012

Eine Februarnacht im Pfälzerwald - von Hans Wagner

Hornung, nannten ihn die Altvorderen. Sein Herz ist die Narrenzeit.
Liegt oft auch noch Eis und Schnee, so spürt der aufmerksame Beobachter doch, dass nun die Tage langsam und leise heller werden. Selbst wenn
im Februar noch bittere Kälte  vorherrscht, spürt man, das Frühjahr ist nicht mehr fern.
In den sternenklaren Nächten erscheint uns der Himmel wie ein großes kosmisches Gemälde und man hat das Gefühl, dass unsere Augen immer tiefer in die Weiten des Universums vordringen. Mitten im Meridian flackert nun das Sternbild des Orions. Über ihm erstrahlt das Sternenpaar Kastor und Pollux. Die Götter haben sie zu glühenden, nie versinkenden Diamanten gemacht. Der Löwe mit dem königlichen Stern Regulus im Herzen ist bereit durch den Feuerreif der perlmutternen Milchstraße zu springen. Der gesamte südliche Himmel bis hoch in den Zenit leuchtet hell durch die Sternbilder des Wintersechsecks. Das geheimnisvollste Sternbild des Winterhimmels ist der mythische Jäger Orion mit seinem Gürtel und Schwertgehänge.
Der Jäger Orion rühmte sich in der altgriechischen Sage, alle Tiere besiegen zu können. Deswegen entbrannte zwischen ihm und dem Skorpion ein heftiger Kampf. Die Götter versetzten Orion und Skorpion an zwei gegenüberliegende Stellen des Himmelsgewölbes, so dass sie nie gleichzeitig über dem Horizont stehen. Die Sage berichtet weiter, dass Odysseus bei seiner Fahrt in die Unterwelt dem großen Jäger Orion begegnet sei. Er führte ihn mit dem Vorzeitriesen Otos und Ephialtes auf. Sie seien nach Orion die schönsten Riesen gewesen. Orion wurde also noch vor ihnen eingestuft! Orion galt auch als der große Wanderer und mit seiner unendlichen Kraft als ein Wohltäter der Menschen. Er hatte drei Väter: Zeus, Poseidon und Hermes. Etwas weiter südöstlich funkelt Sirius der heilige Stern der alten Ägypter. Auch in den eiskalten Februarnächten weiß uns die Natur vieles zu erzählen und spricht sie nicht über die Pflanzen und Tierwelt zu uns, dann wird sie sich uns über die Sternenwelt mitteilen.
Warum sitze ich hier draußen in der kalten Winternacht und betrachte den funkelnden Sternenhimmel? Vielleicht gehöre ich zu jenen Menschen, deren Seele noch eingespannt ist in den Rhythmus des kosmischen Geschehens. In das Stirb und Werde von Mutter Natur.
Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner

Vor mir plätschert der alte Candidusbrunnen, ein Käuzchen lockt und das Knacken im Unterholz verrät Wild, oder sind es Waldelfen die mich hier umschleichen? Der nächtliche Wald öffnet nicht nur das Gedankenmeer, er ist auch eine Pforte ins Reich der Phantasie. Im Osten erscheint nun der Morgenstern, mehr ahnend als sehend bewege ich mich durch den noch dunklen Wald. In den Städten rauscht nun schon der Motor der Welt. Die ersten Vögel machen sich mit leisem Winterpiepsen bemerkbar. In einem großen Schlehenbusch streiten sich die Tannenmeisen. Dann der Laut eines zu früh heimgekehrten Finken.


Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner

Am Ufer bei den Weihern nahe des Aschbacherhofes springen die ersten Weidekätzchen auf. Die Knospen der Kornellkirsche sind schon saftig und dick. Ich schlage mich ins Dickicht hinein, erklimme einen Waldhügel und stehe vorm Felsenbrunnen im Aschbacherwald. Mystisch blinkt der Vollmond durch den Mischwald und mir scheint, als rausche das Wasser des Brunnens schon lauter als im Januar. Ich bleibe für einige Zeit versunken an diesem Orte stehen, meine Gedanken fließen mit dem Wasser. Bald werden die ersten Zugvögel hier eintreffen. Wohl spüren sie es jetzt schon im tiefen Süden, dass sich der Lenz dem Pfälzerwald nähert. Unruhig wird wohl ihr Blick sei. Sie prüfen ihr Gefieder, ob es reisefertig ist und sammeln sich in Scharen, bereit zur Heimreise ins Herz des Pfälzerwaldes. Um hinein zu fliegen, in diesen grünen Kranz der Wälder. 
Ich laufe weiter zum letzten Brunnen auf meiner nächtlichen Wanderung, der mich aus der Waldnacht hinein in einen klaren Morgen führt. Der Morgen dämmert, als ich am Osterheldbrunnen ankomme.
Die Erde hier ist aufgewühlt von den Wildschweinen die jede Nacht hier vorbeischauen. Nach nahem Frühling duftet sie, die Pfälzer Erde. Die Buchen und Eichen die hier stehen, zeigen schon dicke Knospen und man spürt, die Natur erwacht nach einem harten Winter zu neuem Leben.

Mittwoch, 25. Januar 2012

Die Seele der Landschaft - von Hans Wagner

Was haben Wanderer, Mountainbiker und Umweltschützer gemeinsam? Nun, sie nehmen die Natur als Lebensbedingung menschlichen Daseins wahr. Sie haben ein gemeinsames Bedürfnis nach unberührter Natur, Stille und erholsamer Umgebung.

Das findet man natürlich nicht dort, wo der Massentourismus mit seinen Jumbojets landet. Aber man findet es im Biosphärenreservat Pfälzerwald. Egal aus welcher Himmelsrichtung der Besucher die Gemeinde Trippstadt betritt, sein erstes Empfinden ist Wald. Ein wunderschönes großes Waldgebiet das schützenswert ist.

Landschaftsschutzgebiete und Naturparke sind für Erholungszwecke besonders reizvoll. Konflikte zwischen Naturschutzinteressen und Erholungsvorsorge sind deshalb oftmals vorprogrammiert. Aber Tourismus und Naturschutz können auch positiv zusammenarbeiten. Denn die "Philosophie eines nachhaltigen Tourismus" ist es die Balance zwischen Mensch und Natur zu finden. Was bedeutet: Natur und Landschaft für Einheimische und Gäste erlebbar zu machen und dies zu verbinden mit einer umwelt- und naturverträglichen Landschaftsnutzung und Wirtschaftsentwicklung sowie der nachhaltigen Bewirtschaftung unserer natürlichen Ressourcen vor Ort.

Durch eine nachhaltige Entwicklung unserer Landschaft, die Ökologie und Ökonomie gleichermaßen ihren Raum gibt, sichern und pflegen wir wertvolle Naturräume und Biotope und bewahren sie damit für die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Denn der Wald erfüllt viele Funktionen, die unserer Gesellschaft zu gute kommen. Er reguliert den Wasserhaushalt und verbessert die Grundwasserqualität. Er reinigt die Luft und erhält die Vielfalt unserer heimischen Tier- und Pflanzenarten. Kurzum er ist Rohstoffproduzent, Freizeitanlage und natürlicher Lebensraum in einem. Der Naturschutz soll die biologische Vielfalt aus Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und als Lebensgrundlage des Menschen erhalten. Dazu gehören neben der Artenvielfalt auch die Vielfalt der Lebensräume und die genetische Vielfalt innerhalb der Populationen einer Art. Hier beginnt die Zusammenarbeit von Naturschützern und Erholungssuchenden, denn die einen sind inzwischen auf die anderen angewiesen. Man nutzt die Natur und bewahrt sie gleichzeitig, in dem die einen auf die Belange der anderen eingehen und Naturgenuss, Erholung und Naturschutz sich nicht beeinträchtigen.
Aquarell Ute Knieriemen-Wagner

Wir finden im Pfälzerwald immer wieder Gegenden und Plätze in der Landschaft, die den Wanderer plötzlich und ohne Ankündigung überraschen. Nach einer langen Wanderung stehen wir plötzlich in einem Eichenhain und das Rauschen der Bäume erscheint uns wie eine Stimme, die zur pfälzischen Landschaft gehört. Oder wir sind gerade aus dem Wald herausgetreten, und vor uns öffnet sich ein sonnenüberflutetes Tal mit leuchtenden Wiesen, blühenden Blumen und ein romantischer Bachlauf lädt uns zum Verweilen ein. Aus dem Dickicht vom Wiesenrand her dringt das zarte und süße Zwitschern von Vögeln und hoch am Himmel zieht der Bussard seine einsamen Kreise. Meistens sind es solche Erlebnisse, die uns die Seele einer Landschaft nahe bringen.

Dann ist man gezwungen stehen zu bleiben, seinen Sinnen freien Lauf zu lassen, seine Gedanken zu unterbrechen und sich ganz der Wahrnehmung dieser betörenden Waldlandschaft hinzugeben. Die Wahrnehmung von unberührter Natur und Stille findet der Erholungssuchende im Pfälzerwald. Solche Momente kann der Wanderer hier immer wieder erleben. Es sind Augenblicke, in denen man sich der Präsenz der Landschaft öffnet. 

Jeder Naturraum besitzt seinen eigenen Zauber und die Gemeinschaften von Wildpflanzen, Bäumen und Tieren haben ihre eigene Art der Imagination, die, während wir sie durchwandern, in uns zu wirken beginnt. Indem die äußere Natur auf uns einwirkt, fühlen wir mit einem Mal, dass wir unsere eigene innere Natur besser verstehen lernen. Wir treten in einen lebendigen Austausch mit der uns umgebenden Waldlandschaft und jene, die sie bewusst wahrnehmen, öffnet sich der Seele dieser Landschaft.

Freitag, 20. Januar 2012

Die alte Blutbuche vor der katholischen Kirche in Trippstadt - von Hans Wagner

Jeden Morgen wenn ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers sehe, begrüßt mich die wunderschöne Blutbuche (Fagus sylvatica forma purpurea) vor der katholischen Kirche. Im Laufe der Jahre hat sich zwischen uns eine regelrechte Beziehung ergeben. Es ist ein starker mächtiger Baum, der den Kirchturm weit überragt. Er hat Kriege überdauert und Zeitgeschichte erlebt. Vielleicht unterhielten sich unter seiner Krone, die damals wohl bestimmt noch nicht so mächtig wie heute war, die Menschen über das Erdbeben von Lissabon, über die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, bestimmt aber über die Französische Revolution. Ein alter weiser Baum, in seiner vollendeten natürlichen Schönheit. Zweimal am Tag beschenkt er seine Nachbarn mit ständig wiederkehrenden Naturereignissen. Im Morgengrauen sitzen oft bis zu fünfzig Krähen in dem hohen Wipfel. In der Abenddämmerung kehren sie wieder, für eine halbe Stunde sammeln sie sich hier um schließlich im nahen Wald ihre Schlafplätze aufzusuchen. Seit vielen Krähengenerationen muss das schon so gehen. Ab Mitte März erklingen die ersten Frühlingslieder unserer heimischen Singvögel, die sich bis zum Mai in ein jubilierendes Konzert entwickeln, ein Open Air Festival für Naturliebhaber.
Buche im Winter Foto Hans Wagner
Der mächtige Baum grünt in der Regel ab Mitte April und im Juni beginnt die Rotfärbung der Blätter. Sind seine Blätter ausgeschlagen, hört er nie mit dem Flüstern und Raunen auf und ist die ganzen Sommermonate hindurch bis weit in den Herbst, ein unermüdlicher Erzähler. Wenn dann die Blätter fallen verwandelt er sogar den grauen Bürgersteig in einen rötlich-braunen Teppich. Die alte Buche verzaubert ihre Umgebung regelrecht. 

Buche im Sommer Foto Stephan Marx

Buche im Sommer Foto Stephan Marx
Nur ein paar Meter weiter, direkt am Trippstadter Schloss, steht eine kräftige knorrige alte Eiche, neben einer großen Kastanie und wenn der Wind über das Dorf jagt scheint es, als würden die drei miteinander erzählen, alte Bäume können eben viel erzählen.
Wo solche Bäume wachsen scheint die Erde besonders gastlich zu sein und Trippstadt hat in seinem Ortskern viele solcher alten Baumgestalten, die dazu einladen unter ihnen Platz zu nehmen. Und wenn man ihren Blättern beim Rauschen zuhört, kann es für einen Moment so erscheinen als höre man die Worte unseres großen Dichters und Nobelpreisträgers Hermann Hesse:

 "Die Baumgestalt steht sinnbildhaft für die Menschengestalt. Ja, mir will scheinen, dass ein Baum wie ein lebendes Wesen zu uns spricht: In mir ist ein Kern, ein Funke, ein Gedanke verborgen, ich bin Leben vom ewigen Leben. Einmalig ist der Versuch und Wurf, den die ewige Mutter mit mir gewagt hat, einmalig ist meine Gestalt und das Geäder meiner Haut, einmalig das kleinste Blätterspiel meines Wipfels und die kleinste Narbe meiner Rinde.
Mein Amt ist, im ausgeprägten einmaligen das Ewige zu gestalten und zu zeigen."


Es lohnt sich, solch alte Trippstadter Baumriesen aufzusuchen um einige Zeit unter ihnen zu verweilen und somit dem Diktat unserer hektischen Zeit zu entfliehen.

Montag, 16. Januar 2012

Der Pionierweg im Hammertal - von Manfred Walter

zwischen dem Karls- und Finsterbrunnertal Trippstadt/Schopp
Wer waren die Pioniere? Woher kamen sie und was taten sie ?
Besucher des Pfälzerwaldes, die auf der L 500 bei der Abzweigung nach Stelzenberg auf der Seite des ehemaligen Forsthauses die Brücke über die Moosalbe überqueren, stoßen hier direkt auf den sogenannten Pionierweg an der Hammerhalde.

Bei der linksseitigen Begehung des aufsteigenden und gut ausgebauten oberen Forstweges, sind links und rechts an mehreren Felsflächen wunderschöne Laien-Steinmetzarbeiten zu sehen.


Foto Manfred Walter
 Offiziere und Unteroffiziere des K. B. II. Armee Korps meißelten im Jahre 1896 mehrere persönliche Hinweise auf die kahlen Felsenwände. Sie wollten damit dokumentieren, dass sie es waren, die diesen schwierigen Weg in die steile Halde des Berges gegraben und gesprengt haben. Während der dienstfreien Zeit und vielleicht auch aus purer Langeweile ergab sich hier eine Gelegenheit, ihre Künste als Steinmetz auszuüben. Sie wollten ihre Mitwirkung bei der Fertigstellung des Pionierweges durch ihre künstlerischen Tätigkeiten der Nachwelt kundtun. Dieses Ereignis liegt heute fast 114 Jahre zurück. Die persönlichen Hinweise und Wappen der Soldaten des „Königlichen Bayerischen 2. Pionierbataillon“ aus Speyer, die hier an einem militärischen Einsatz im Pfälzerwald erinnern, sind noch in einem sehr guten Zustand zu erkennen.

So hat Leutnant Karl Stork seiner “Gold Else“ hier ein dauerndes Denkmal gesetzt. Hinweis: Die Victoria Siegessäule in Berlin wurde im Volksmund „Goldelse“ genannt.

Foto Manfred Walter

Die Pioniere gehörten damals zum Generalkommando Würzburg, II. Bayerisches Armeekorps, zugeteilt zur IV. Armee-Inspektion München und standen unter dem Kommando von General der Kavallerie E. Ritter von Xylanden.

Die rein militärische Übung wurde vom 10. bis zum 22. August 1896 unter der Leitung von Hauptmann Fuchs, 4 weiteren Offizieren, 16 Unteroffizieren, 156 einfachen Pioniersoldaten und einem Militärarzt durchgeführt. Ein Nachkommando vollendete vom 22. bis zum 26. August die letzten Arbeiten am Pionierweg. Die Wegstrecke betrug genau 1236 Meter.

Etwa in der Mitte des ansteigenden Weges wird auf einer großen Steinplatte dargestellt, dass man sich hier auf der Fuchs - Steige befindet. Benannt nach Hauptmann Fuchs. Weitere Tafeln und schlichte Daten weisen auf die Erbauer des Weges hin.

Foto Manfred Walter
 Einen Hinweis auf den dazugehörigen Trossfuhrpark (Pionierpark) steht eingemeißelt an einem Felsen auf dem unteren Weg in Richtung Unterhammer neben dem ehemaligen „Gienanthschen Herrenhaus“.
Der längste Teil des Pionierweges befindet sich allerdings auf Schopper Gebiet, aber auf dem kürzeren Teil findet man an der südlichen Grenze des Bergeinschnittes die berühmte „Diana“ auf der Trippstadter Gemarkung. Versteckt und in voller Schönheit hält die nackte Diana unterhalb des Weges, als unbekleidete Dame mit Bogen und Spieß bewaffnet, einsame Wacht über das Moosalbetal.

Die Trippstadter Grenze kommt von Langensohl das Tal herunter und geht nach Süden versetzt von der Mitte des Hammerweihers aus, in einem Einschnitt nach Westen, den Berg hinauf.

Alte Urkunden und Schriftstücke, die im Archiv des ehemaligen staatlichen Forstamtes Trippstadt, dem Landesarchiv in Speyer und im bayerischen Hauptarchiv in München lagern, weisen auf diese wohl einmalige Eigendarstellung einer Pioniereinheit hin.

Ein ausführlicher Bericht wurde im Juli 1999 „Im Kranz der Wälder“ als überarbeiteter Beitrag aus dem Jahre 1994 von Kurt Knebel aus Trippstadt veröffentlicht.

Das Dianarelief am Pionierweg – über die Mythologie der Diana von Hans Wagner

Wer war eigentlich diese Diana, deren Bildnis sich in der Nähe des Pionierwegs befindet? Es ist davon auszugehen, dass es sich hierbei um die Göttin Diana handelt.

Die Römer verehrten Diana als Göttin der Jagd, der wilden Natur und des Lichts. Sie wurde auch mit der griechischen Göttin Hekate identifiziert, doch ihr griechisches Gegenstück war eindeutig Artemis, eine jungfräuliche Schwester des Apollon und Tochter des Zeus und der Leto.

Es gab viele Kulte um die Göttin Diana, ihre Anrufung geschah mit magischen Zauberformeln an Kreuzwegen und in Höhlen um Liebe zu entzünden, Kranke zu heilen, Verhasste zu verderben. Diana führte auch den Brauch ein, Heilkräuter bei Nacht zu sammeln.

In seinem zwölfbändigen Monumentalwerk „Der goldene Zweig“ beschreibt der schottische Anthropologe James George Frazer ausführlich den Kult um die Göttin Diana. Frazer berichtet uns ausführlich von einer Königin des Waldes, die an einem See lebt der „in einer grünen Talmulde der Albaner Berge sanft eingebettet liegt“, nahe dem Dörfchen Nemi. Im Altertum war diese Landschaft bekannt als der Hain der Diana von Nemi. Hier stand ihr Tempel, hier wurde ihr Ritus zelebriert.

Foto Manfred Walter
Aber die wohl bekannteste Geschichte um die Göttin Diana ist die Sage von Actaion, der sie in ihrem Heiligtum nackt erblickte und dafür mit seinem Leben zahlen musste.
Bei Actaion fügte es sich, dass er die Göttin um Mittag erblickte, jenem schicksalsvollen Augenblick, wenn die Sonne in ihrem jugendlichen, kraftvollen Aufstieg erlahmt, innehält und zu ihrem mächtigen Niedertauchen in den Tod übergeht. In der Antike nannte man diese Zeit auch die „Stunde des Pan“.
Nach einem von der Jagd ausgefüllten Morgen hatte der junge Athlet Actaion seine Gefährten zusammen mit seinen blutbefleckten Hunden rasten lassen und war umhergestreift. Er hatte sich von den vertrauten Jagdgründen mit ihren Waldungen und Feldern entfernt und war in die benachbarten Wälder eingedrungen. Dabei entdeckte er einen Talgrund dicht mit Föhren, Eichen und spitzen Zypressen bestanden und neugierig beschwingten Schrittes drang er darin ein. Es war aber im Wald eine Grotte verborgen, durchrieselt von einer kleinen sprudelnden Quelle, deren lauteres Wasser sich durch einen Bach in einen von Kräutern umstandenen Tümpel ergoss. Zu diesem schattigen Plätzchen pflegte Diana sich zurückzuziehen. Und es traf sich, dass sie gerade badete, ganz nackt, als Actaion hinzu kam:
„Untergetreten schon übergibt sie einer der Nymphen-
der, die die Waffen ihr trägt – den Köcher, den Speer, den entspannten
Bogen, es fängt mit dem Arm eine andre das fallende Kleid auf.
Zweie lösen die Riemen am Fuß. Denn das Kind des Ismenus,
Crocale, schlägt ihr, gewandter als jene,
zum Knoten das frei den Hals umspielende Haar....
Während Titanien hier die gewohnten Güsse umspülen,
siehe, gerät der Enkel des Cadums, der ziellosen Schrittes
nutzend der Jagd Unterbrechung, des fernen Waldes Bezirk durchschweifte,
dort in den Hain. Es führte ihn so sein Verhängnis.
Da, sobald er die quelldurchrieselte Grotte betreten,
schlagen die Nymphen beim Anblick des Mannes, nackt wie sie waren,
jäh ihre Brüste, erfüllen mit lauten klagenden Rufen
plötzlich den ganzen Hain. Mit den eigenen Leibern sie deckend
drängen sie rings sich eng um Dianen. Doch höheren Wuchses
ragt über alle hinaus um Haupteslänge die Göttin.“


Der Jüngling sah und konnte sich nicht abwenden. Das Verhängnis blieb nicht aus:
„...und wie sie verlangt einen Pfeil in Händen zu haben,
schöpfte sie, was ihr zur Hand, das Naß, besprengte des Mannes
Antlitz mit ihm, und, sein Haar mit den rächenden Fluten benetzend,
spricht sie die Worte dazu, die das kommende Unheil ihm künden:
„Jetzt erzähle, du habest mich ohne Gewand gesehen,
wenn du noch zu erzählen vermagst!“ Sie drohte nicht weiter,
gab dem besprengten Haupt des lange lebenden Hirsches
Hörner, die Länge dem Hals, macht spitz das Ende der Ohren,
wandelt zu Läufen um seine Hände, die Arme zu schlanken Schenkeln,
umhüllt seinen Leib mit dem fleckentragenden Vliese,
gab auch die Furcht ihm dazu. Es flieht Autonoes tapfrer Sohn
und wundert sich selbst im Laufe der eigenen Schnelle.
Als er aber Gesicht und Geweih in den Wellen erblickte,
wollte er: “Weh mir!“ rufen – es folgt keine Stimme, ein Stöhnen
nur! (Dies ist seine Stimme fortan.).....“


Ein schreckliches Schicksal nahm nun seinen Lauf. Seine eigenen Hunde bekommen Witterung von dem großen Hirsche und kommen bellend durch den Wald.
„und er flieht durch Gelände, in dem er so oft verfolgt hat.
Weh! Seine eigenen Diener flieht er! Er möchte wohl rufen:
„Ich bin Actaeon! Erkennt den eigenen Herrn!“ Doch versagt das
Wort sich dem Sinn. Von Gebell nur widerhallen die Lüfte.
Schwarzhaar brachte zuerst im Rücken ihm bei eine Wunde,
Wildfang die nächste darauf, es hing am Buge ihm Bergwelp.
.....Dieweil ihren Herren sie halten,
kommt die übrige Schar und schlägt in den Leib ihm die Zähne.
Schon fehlt den Wunden der Platz. Er seufzt – ein Klang wie Menschenlaut
Zwar nicht, doch auch nicht so, wie ein Hirsch ihn kann äußern.

Von den Gefährten umstanden, die den Hunden nachgeeilt waren, wird er zerrissen. Und:
Erst, als in zahllosen Wunden, so sagt man, geendet sein Leben,
war ersättigt der Zorn der köcherbewehrten Diana.“


Als Naturgöttin blieb Diana auch nach der zwangsweisen Einführung des Christentums in ländlichen Regionen weiterhin den Menschen verhaftet. Bis in das sechste nachchristliche Jahrhundert wurden Dianakulte vollzogen. Um dem Diana Kult den Rang abzulaufen mussten die entsprechenden Festtage zu christlichen Feiertagen umgedeutet werden, so unter anderem Maria Lichtmess und Maria Himmelfahrt. Ab den 17. Jahrhundert erlebte Diana eine gewisse Renaissance, da sie besonders mit der Jagd in Verbindung gebracht wurde.

Lit. Hinweise
James George Frazer: Der goldene Zweig
Ovid: Metamorphosen
Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten



Wie finde ich die Diana:
Besucher des Pfälzerwaldes, die auf der L 500 bei der Abzweigung nach Stelzenberg auf der Seite des ehemaligen Forsthauses die Brücke über die Moosalbe überqueren, stoßen hier direkt auf den sogenannten Pionierweg an der Hammerhalde.

Bei der linksseitigen Begehung des aufsteigenden und gut ausgebauten oberen Forstweges, sind links und rechts an mehreren Felsflächen wunderschöne Laien-Steinmetzarbeiten zu sehen. Nach ca. 10 Minuten Gehweg findet sich auf der rechten Seite ein Stein mit dem Hinweis Diana, die sich auf der linken Seite unterhalb des Weges im Hang befindet.

Freitag, 13. Januar 2012

Der Weg ist das Ziel - Kleine Philosophie des Wanderns von Hans Wagner

Wer beim Wandern glückliche Tage verlebt hat, möchte gern etwas mitnehmen, das ihn immer wieder an die schönen Wandertage erinnert. Nun lebt zwar eine ganze Souvenirindustrie von diesem "menschlich – allzumenschlichem" Bedürfnis des in der Natur unterwegs zu sein, was wir letztendlich aber wirklich mitnehmen, ist die Erinnerung.

Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner
Der Weg ist das Ziel, sagte der weise Konfuzius und meinte damit was uns von einer Wanderung in der Erinnerung haften bleibt, ist nicht unbedingt das angestrebte Wanderziel, sondern sind jene kleinen Offenbarungen, die uns am Wegrand begegnen.
Ambulator nascitur, non fit – Wanderer kann man nicht werden, man ist es durch Geburt, schrieb Henry David Thoreau. Er musste es wissen, war doch seine größte Leidenschaft das Wandern. Wer in den Pfälzerwald zum Wandern kommt, wird bald das Geheimnis dieser Leidenschaft in sich spüren. „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert", schrieb Johann Wolfgang von Goethe. „Wandern ist eine Tätigkeit der Beine und ein Zustand der Seele", meinte einmal Josef Hofmiller und sprach damit etwas aus, was wohl viele von uns schon einmal in sich verspürt haben. Der Streifzug durch die Natur als Lebensmodell beschreiben auch Aaron Sussman und Ruth Goode in ihrem Buch „The Magic of Walking":
„Laufen ist eines der ersten Dinge, die ein Kind tun möchte und eines der Dinge, die man am schwersten aufgeben will. Laufen ist eine Bewegung, die keine Turnhalle braucht. Es ist ein medizinisches Rezept ohne Medikament, es ist eine Gewichtskontrolle ohne Diät und eine Kosmetik, die man nicht chemisch beschreiben kann. Es ist ein Schlafmittel ohne Tabletten, eine Psychotherapie ohne Analyse und ein Ferientag, der fast nichts kostet. Außerdem trägt Wandern nicht zur Umweltverschmutzung bei, verbraucht fast keine Rohstoffe und ist hocheffektiv. Wandern ist bequem, es braucht meist keine besondere Ausrüstung. Es reguliert sich von selbst und ist kaum verletzungsträchtig... Laufen ist so natürlich wie Atmen."
Man sollte hier noch hinzufügen, Laufen ist Meditation, was die alten griechischen Philosophen schon sehr früh erkannten und jene wie die Epikureer, die nun nicht gerade die leidenschaftlichsten Läufer waren, pflanzten sich Bäume in ihre Gärten und unternahmen darin subdiales ambulationes wie Plinius diese beschrieb: Spaziergänge unter freiem Himmel.
„Bei meinen Nachmittagsspaziergängen möchte ich meine morgendlichen Beschäftigungen und meine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft vergessen", meinte Thoreau einmal und wir geben ihm gerne recht. Wenn wir im Freien unterwegs sind, werden auch unsere Gedanken freier und philosophischer und viele Kleinigkeiten fallen von uns ab. Wenn wir wandern, sind unsere Gedanken intensiver bei der uns umgebenden Natur. Felsen, Blumen und Bäume nehmen wir mit einem mal besonders bewusst wahr, wohl deshalb schrieb Hermann Hesse in seinen „Wanderungen":
„Wandersehnsucht reißt mir am Herzen, wenn ich Bäume höre, die abends im Wind rauschen. Hört man still und lange zu, so zeigt auch die Wandersehnsucht ihren Kern und Sinn."
Wandern ist etwas Ganzheitliches. Es ist Natursport, sollte aber nicht in Hochleistungssport ausarten. Wer aus Freude am Erleben unterwegs ist, will mehr als sich erschöpfen, er will anderes, er will sich an der ihn umgebenden Natur erbauen.

Montag, 9. Januar 2012

Wald – ein Ort innerer Einkehr von Hans Wagner

Wer den Pfälzerwald zur Erholung aufsucht, wer sich hier auftanken möchte, wird von diesem großen Waldgebiet nicht enttäuscht werden. Die natürliche Wirklichkeit die den Besucher hier umgibt, schenkt ihm während seines Aufenthaltes eine tiefe innere Ruhe. Die Natur hat für alle nur möglichen Fragen eine Antwort bereit. Ein bewusster Spaziergang durch den Wald ist immer ein meditativer Gang vor allem, wenn wir beobachten, was uns am Wegrand begegnet. Es scheint uns dann plötzlich als seien wir ein Teil dieser großen Natur, was wir ja letztendlich auch tatsächlich sind, wir haben es nur vergessen. Bei einem Gang durch das romantische Karlstal bei Trippstadt kann es sehr schnell passieren dass sich uns eine andere Wirklichkeit auftut. Da stehen gewaltige Baumriesen, andere sind schon dahingeschwunden, ihre Baumstrünke ragen wie mythologische Gestalten in den Himmel. Da breitet sich der Friedhof des toten Laubes wie ein Teppich aus, durchwimmelt vom Leben der Mikroben und kleinen Tiere, und verwandelt sich in den Nährboden neuen Lebens. Da sprengt eine Wurzel den spröden Buntsandstein. Überall wuchern Moose und Farne, wir sehen hier die Strukturen und Bildungen, die Zeugnis ablegen von dem aufeinanderprallen elementarer Gewalten vor Jahrmillionen von Jahren. Überall wird Bewegung, urtümliches Geschehen sichtbar. Eine Natur deren Schönheit man nicht beschreiben kann, man muss sie in sich aufnehmen. Dieses in sich aufnehmen ist schon Meditation.
Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner
Meditation ist immer ein gesamtpersonales Ereignis, sie führt den Menschen zu seiner Ganzheit. In diesem Sinne ist Meditation auch immer Selbsttherapie, das Rezept ist die Übung. Ab einem gewissen Stadium in der Meditation lässt der Mensch ab von traumatischen Erinnerungen der Vergangenheit, sowie von den Beunruhigungen der Zukunft und findet eben durch die Übung zu einem festen inneren Kern, zu seinem Selbst.
So führen die Übungen auch dazu, dass wir Geborgenheit in der Existenz finden, denn bewusste Meditation hat immer eine Existenzphilosophische Ausrichtung, in der Zentrierung auf die zwischenmenschlichen Beziehungen als auch auf die Welt. Allem vordergründigem Anschein zum Trotz – während der Meditation ereignet sich nicht die Abkehr von der Welt, sondern die Nähe zur Welt, denn der Betrachtende reflektiert auch immer noch die Welt. Ein zentrales Kennzeichen einer reifen Persönlichkeit ist der ganzheitliche Rhythmus von Kontaktaufnahme zu Menschen und Dingen und der Rückzug aus diesen Kontakten.

Unser Alltag ist ein Gewirr von Eindrücken, Forderungen, Gedanken und Pflichten. Wir sind ständig in Gefahr, die Einheit unseres Lebens zu verlieren. Wir leben fern von uns selbst, also fern von unserer wirklichen Existenz. Unruhe, Frage und Zweifel sind oft die geistige Heimat des Menschen. Über den Weg der Meditation kann der Mensch sich dort in dieser von Krisen geschüttelten Existenz aufsuchen und sich auf den Weg zur Sinnfindung aufmachen.

Im meditativen Prozess „gräbt“ er die Urerlebnisse des Daseins, die durch Alltagsbetrieb und ökonomische Verflechtungen verschüttet wurden aus den Tiefen seiner Existenz wieder aus und kämpft sich zu einem wesenhaften Verhältnis, zum Sein frei. Es geht also um Selbstentdeckung – seinen eigenen Mittelpunkt zu finden.

Meditation ist daher auch mit einer Wanderung vergleichbar, einer Wanderung in ein unbekanntes Land, das Land der Seele.
Der Dichter Christian Morgenstern schrieb einmal folgende Tagebuchnotiz:
„Ich bin wie einer Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fernes, fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes Leben nach der einstigen Heimat, ruhelos durchmisst sie das ganze Land nach allen Seiten. Und oft fällt sie zu Boden in ihrer großen Müdigkeit, und man kommt, hebt sie auf und pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen. Aber sobald sie die Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von neuem fort, auf die einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht genügt, die unvermeidliche Suche nach dem Ort ihres Ursprungs“
So kann man auch Meditation erklären. Die Taube weiß nicht wo ihr heimatlicher Schlag ist, sie kennt eben nur, das „dort“, wo sie auch nicht bleiben möchte, sie muss fliegen um die Heimat zu finden. Dieses Fliegen ist das Üben in der Meditation.
Wenn ich unzufrieden mit mir bin, wenn ich nicht mehr der bleiben möchte, der ich letztendlich ja auch gar nicht bin, wenn ich die Courage habe, jener werden zu wollen, der ich sein kann und letztendlich auch bin, kann ich ohne Übung, also Training und Kontemplation nicht auskommen. Meditation ist nur ein Weg unter anderen Wegen, aber es ist ein guter Weg.

Meditation kennen wir meistens in recht exotischem Gewand.
Was ich ihnen hier vorstelle ist eine einfache, unkomplizierte Naturmeditation. Wir setzen uns im Wald unter einen mächtigen Baum, einen großen alten Baumriesen, wie sie im Pfälzerwald oft vorzufinden sind. Vielleicht ist es eine Eiche. Am besten sitzt man mit dem Rücken an den Baumstamm angelehnt. Nun sollte man versuchen den Baum zu "spüren", wir nehmen Kontakt mit dem Baum auf. Jetzt stellen wir uns einen Samen des jeweiligen Baumes vor, hier eine Eichel. Wir konzentrieren uns ganz auf diese kleine Frucht, stellen uns vor, wie aus dieser kleinen Eichel im Laufe vieler Jahre ein mächtiger Eichbaum wird. Wir nähern uns also der Daseinsform der Eiche. Nun stellen wir uns vor wie aus dem Samen ein Sämling wächst, wie er groß und stark wird, bis er ein Baum ist. Es wird nicht lange dauern und wir spüren tatsächlich eine Kraft in uns, ein Gefühl das beruhigend, ja bewusstseinserweiternd in unserem Geist wirkt. Was in uns einkehren wird ist eine große Ruhe und Verbundenheit mit der uns umgebenden Natur. In der Meditation geht es darum sich Selbst zu entdecken, seinen eigenen Schwerpunkt zu finden. Dabei gehört es zum Wesen der Meditation, dass sie aus dem Vielfältigen und aus denen uns oft zerreisenden Gegensätzen zur inneren Einheit führt. Meditation ist daher auch eine Wanderung ins eigene Land der Seele. Sie hat den ALL – TAG zum Übungsfeld, ist also keine Flucht, sondern ein Standhalten, gegenüber den Infamitäten des Lebens. Gerade Stresssymptome, Ärgernisse, Nervosität fallen von uns ab, wenn wir uns bewusst in der Natur aufhalten. So gesehen ist die ganze Natur eine Heilerin, ihre gesamte Metamorphose ist Heilkraft und die Naturmeditationen werden sich zweifelsohne positiv in uns bemerkbar machen.

Freitag, 6. Januar 2012

Alte Waldberufe - Der Pottaschbrenner von Hans Wagner

In alter Zeit war es fast allein der Wald der die elementaren Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen vermochte. Eine große Anzahl von Waldberufen gab es in früherer Zeit: Holzhauer, Köhler, Schindelmacher, Holzknechte, Besenbinder, Harz- und Pottaschbrenner, um nur einige zu nennen.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Pottasche ein unentbehrlicher Rohstoff für die verschiedensten Gewerbe. Flurnamen wie Eschebel- Loch, Pottaschäcker und Pottaschweiher zeugen noch heute von diesem alten Handwerk. Der Pottaschbrenner oder Pottaschsieder war unter anderem ein Zulieferer der Glashütten und Seifensiedereien.

Roland Paul berichtet in „von alten Berufen im Pfälzerwald“…und noch zu Beginn des 19.Jahrhunderts spielte die Pottasche als Handelsgut im Raum Kaiserslautern eine beachtliche Rolle“.

Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner



Pottasche ist ein grauweißes alkalisches Salz, das aus der Holzasche ausgelaugt wird. Dabei werden die Kalisalze und etwas Kieselsäure gelöst. Durch Abdampfen und Glühen gewinnt man eine Salzmasse, die sogenannte Pottasche. Besonders begehrt war die Buchenpottasche. Die Asche wurde in großen Kesseln, sogenannten „Pötten“, gewonnen. Daher der Name Pottasche. Neben der Glas und Seifenherstellung, benötigte man Pottasche zur Herstellung von Farben aber auch die Bleicher, Garnkocher, Salpetersieder, Schmelzer und Gerber brauchten sie. Das Tuchgewerbe benötigte sie zum Waschen der Wolle. Schon im Mittelalter besaß die Stadt Kaiserslautern ein sehr bedeutendes Tuchgewerbe, das sich schließlich im 18. und 19. Jahrhundert zu einer Industrie entwickelte. Es ist daher also nicht verwunderlich, dass das Pottaschenbrennergewerbe in Kaiserslautern und den umliegenden Walddörfern recht gut florierte.
Erich Bauer und Volker Christmann berichten uns in der Broschüre „der Stadtwald Kaiserslautern“: “…noch im Jahr 1849 zählte man in der Rheinprovinz 229 Pottaschesiedereien. Auch in den Kaiserslauterern Ratsprotokollen lesen wir des öfteren von diesem Gewerbe. So bittet 1657 der Hagenauer Bürger Lorenz Rosenzweig, ein Pottasche und Harzbrenner, ihn in Lautern wohnen zu lassen, um hier sein Gewerbe ausüben zu dürfen. Im Jahr 1707 beklagen sich die Lauterer Bürger darüber, dass der Oberförster den Pottaschbrennern erlaubt habe, „ganze Walddistrikte abzuhauen“.

1774 hatte der Bürger Compter die Pottaschbrennerei im Stadtwald gepachtet. Für jeden Zentner hergestellte Pottasche musste er 1Gulden 20Kreuzer bezahlen. Bei der Abrechnung ergaben sich Differenzen. Der Brenner gab 40 Zentner, der Forstmeister aber über 80 Zentner an. 1780 wurden mehrere Einwohner angezeigt, weil sie im Stadt- Stifts- und Reichswald ohne Erlaubnis Asche gebrannt hatten. Sie wurden zu Turm und Geldstrafen verurteilt. Kurfürst Johann Wilhelm klagte 1711, dass durch „das Aschen- Brennen in denen Wäldern durch die Pottaschensieder nicht geringer Schaden geschiehet, in dem dadurch…viele gesunde, meistens aber unten am Stamm faul beschädigte Buchen, Mastbäume durch dieses lose Gesindel angesteckt und verbrannt, ja öfters ganze Revieren durch das Feuer verderbet werden…“. Er erließ ein Gesetz zur besseren Kontrolle der Pottaschbrennerein.

Viele Haushalte in denen „Buchenes“ im Ofen gebrannt wurde, stellten ihre eigene Pottasche her. Zu Zeiten unserer Urgroßmütter war der sogenannte „Laugenständer“ ebenso unentbehrlich wie das Schuheisen, der Milchtopf oder das mit glühender Kohle gefüllte Bügeleisen. Dieses hölzerne Gefäß diente dazu die am Herd abfallende Asche als Waschmittel zu sammeln. Für die einfachste Art, diese Waschlauge zuzubereiten, übergoss man die gesamte Asche mit lauwarmen Wasser und rührte es immer wieder fleißig um. Nach einigen Stunden siebte man die überstehende Flüssigkeit durch ein Tuch und schon hatte man ein Wasch und Scheuermittel.
Ein interessantes Zeitzeugnis zur Pottaschbrennerei hinterließ uns der Pfälzer Heimatforscher Lukas Grünenwald aus dem pfälzischen Dembach. In seinen Jugenderinnerungen berichtet er:
„Diese Pottaschhütten waren, kleine viereckige Steinhäuser mit einer Stube und Küche und Holzlage darüber. In der Küchenecke stand ein großer, runder Eisenkessel im gemauerten Herd zum Pottaschsieden und ein Kamin stieg von da über das Satteldach empor. In den drei Wänden dem Eingange gegenüber, waren kleine Fenster. Die nötige Holzasche wurde in allen Dörfern weithin gekauft und in Säcken auf Handkarren und Wagen auf den damals noch schlechten Strassen oft mühsam heimgebracht. In der Hütte wurde sie zuerst zuerst kalt beigesetzt d.h. in grauen Weidenkörben, die innen mit Leinwand ausgeschlagen waren und über Laugebütten standen, mit Bachwasser übergossen und durchsickert, bis sie ganz ausgelaugt war. Die Mutterlauge wurde dann im Herde so lange gesotten, bis nur noch die weiße, kostbare Pottasche übriglieb, die dann um teuren Preis an Glashütten verkauft wurde.“

Literaturhinweise:
Helmut Seebach- Altes Handwerk und Gewerbe in der Pfalz (Quelle:Wikipedia).
Erich Bauer und Volker Christmann – Der Stadtwald Kaiserslautern.
Roland Paul: Von alten Berufen im Pfälzerwald- in Der Pfälzerwald- Porträt einer Landschaft.

Montag, 2. Januar 2012

Unser Freund der Baum - von Hans Wagner

Sag’ ich’s euch, geliebte Bäume?
Die ich ahndevoll gepflanzt,
Als die wunderbarsten Träume
Morgenrötlich mich umtanzt.
Ach, ihr wißt es, wie ich liebe,
Die so schön mich wiederliebt,
Die den reinsten meiner Triebe
Mir noch reiner wiedergibt.

Wachset wie aus meinem Herzen,
Treibet in die Luft hinein,
Denn ich grub viel Freud und Schmerzen
Unter eure Wurzeln ein.
Bringet Schatten, traget Früchte,
Neue Freude jeden Tag;
Nur dass ich sie dichte, dichte,
Dicht bei ihr genießen mag.
Johann Wolfgang von Goethe

Aufgewachsen in einer Philosophie materiellen Denkens, welche die Natur entpersonifiziert und sie nur noch als die unbekannte Ursache einer Reihe von Sinneseindrücken und wissenschaftlichen Erklärungen versteht, fällt es dem modernen Menschen schwer, sich in den „Mythos Baum“ hinein zu denken. Und dennoch ist er immer um uns und in uns. Während eines Spazierganges durch den Pfälzerwald sind wir diesem Mythos besonders nahe und neben der Landschaft sind es die Bäume selbst, die uns darüber berichten.
Die Natur hat für alle nur möglichen Fragen eine Antwort parat. Uns heutigen Menschen erscheint sie anders als unseren Vätern und Müttern, dennoch: Wenn wir in die Tiefen des Pfälzerwaldes eindringen, wen überkommt da nicht Respekt, wenn er unter den alten Baumriesen wandert, die hier noch zu finden sind? Und so kann es passieren, dass wir uns plötzlich in einer romantischen Welt wiederfinden, dass wir in der Natur einen friedvoll in sich ruhenden Erdentag genießen und den Wald als eine mütterliche Hülle des Lebens erahnen, als Spiegelung unserer eigenen Empfindungen und Gefühle, als unberührter Natur, die uns den ewigen Rhythmus von „Werden und Vergehen“ erzählt.

Bäume erzählen ihre eigene Geschichte, eine Geschichte die viele tausende von Jahren älter ist als die des Menschengeschlechtes.

Aquarell Ute Knieriemen-Wagner

Da steht mächtig und wuchtig die Eiche, der heilige Baum der keltischen Druiden. Über die Mythologie dieses Baumes könnte man mehrere Bücher schreiben. Alle indogermanischen Völker verehrten diesen Urriesen. Doch nicht nur den Kelten auch den Römern, den Griechen, den Slawen und Etruskern galt die Eiche als Orakelbaum. Die berühmteste war die weissagende Eiche im Heiligtum von Dodona.

Die Buche war den Germanen besonders lieb. Sie war dem Donnergott Thor geweiht. „Thors Hämmer“ werden die alten Buchen verschonen, hieß es bei unseren Vorfahren. Und noch heute geht bei Gewitter der Spruch um: „Vor den Eichen sollst du weichen, doch die Buchen sollst du suchen, kannst du Linden grad nicht finden“. Es ist uns ein bekanntes Bild, wenn wir auf eine mächtige alte Buche treffen und in deren Rinde ein Herz und die Anfangsbuchstaben eines Namens erkennen, die jemand dort hinein geritzt hat. Schließlich gibt es einen Zusammenhang zwischen den Wörtern: Buch – Buche – Runen. Runen bedeutet „Geheimnis“ und ist noch erhalten in unserem Wort „Geraune“. Erwähnt wurden die Runen das erstemal bei der germanischen Göttin Idun, der Hüterin der magischen Äpfel und des Wildapfelbaumes. Ihr Gatte war Bragi, der Sohn Wotans. Ihm ritzte sie geheimnisvolle Zeichen in seine Zunge, wodurch jener die magische Kraft der Worte erwarb und somit der größte aller Barden wurde. In der Nibelungensage ist es Gudrun, die noch die Kunst des „Runenlesens“ und „Raunens“ beherrscht. Im Lied von Sigridifa, einem Epos der Edda heißt es:

„Astrunen lerne,
willst Arzt du werden
und wissen wie Wunden man heilt,
in die Borke schneid sie
dem Baum des Waldes
der die Äste nach Osten neigt.“

Der Philosoph Friedrich Nietzsche ahnte noch das Geheimnis der „raunenden Bäume“ als er in einem Gedichtband schrieb:
„Hoch wuchs ich über Mensch und Tier; und sprech ich – niemand spricht mit mir“.

Still und erhaben, aber nicht stumm stehen die alten Baumriesen im Pfälzerwald und sprechen zu uns mit der Stimme Günther Eich’s:
„Wer könnte leben ohne den Trost der Bäume?“

Selbst dem materiellsten unter den Menschen scheint eine würdige Baumgestalt noch Respekt einzuflößen.
Ein Notizbuch der Natur kann man Bäume zweifelsohne nennen, denn ihre Jahresringe sind regelrechte hundert- oder gar tausendjährige Kalender. An Ihnen kann man nicht nur das Alter der Bäume ablesen, sonder auch noch Rückschlüsse über Klimabedingungen und andere Einwirkungen erfahren. Liegen zwei Ringe dicht beieinander, so zeugt dies von zuwenig Feuchtigkeit in diesem Jahr. Heiße Sonnenjahre mindern die Breite der Jahresringe. Mit diesem „Geschichtsbuch der Natur“ können Dendrologen (Baumkundler) die Vergangenheit wieder lebendig werden lassen.

Jeder einzelner Baum ist ein Ökosystem. Die Germanen nannten große und mächtige Bäume „Baum des Lebens“ und ihre Mythologie berichtet uns, dass ein Leben ohne Bäume überhaupt nicht möglich ist. Die Naturwissenschaft berichtet uns das gleiche. Die Bedeutung eines Baumes geht über seinen Wirtschaftsfaktor und Holzpreis weit hinaus. Bäume haben in erster Linie einen ökologischen Faktor. Wenn Bäume im Licht photosynthetisch aktiv sind, geben sie etwa genauso viel Sauerstoff an die Atmosphäre ab, wie sie an Kohlendioxid aus dem Luftraum zur Bindung in organischen Molekülen aufnehmen. Schon eine einzige ausgewachsene Buche von etwa 25 Meter Höhe und einer Gesamtfläche von 1600 m², setzt an einem Tag ungefähr 7000 Liter Sauerstoff frei. Das ergibt etwa 35m³ sauerstoffreicher Atemluft – genug um den Tagesbedarf von über 50 Menschen sicher zu stellen. Ohne die ausgleichenden und regenerierenden Leistungen der Bäume gäbe es auf Dauer kein höheres Leben der jetzigen Form auf der Erde.

Wenn wir die Sprache der Bäume verstehen, können wir von Ihnen und ihren - für unser aller Leben - wichtigen Verflechtungen und Funktionen nur lernen. Wir können neue Einsichten erlangen, ob in Bereichen der Biologie, der Mythologie, der Kultur, oder (und vor allem) für unser tägliches Leben.

Wir sollten ihm ab und zu mal zuhören, unserem Freund dem Baum.