Freitag, 23. Dezember 2011

Wandern und die Kunst des Müßiggangs von Hans Wagner

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde…..“

Den Anfang dieser allbekannten Geschichte kennen wir alle recht gut und wir hören sie mindestens einmal im Jahr im Monat Dezember, der in ländlichen Gebieten manchmal auch noch unter dem Namen Christmond erscheint. Bei den Germanen war der Name Julmond gebräuchlich. Jul kommt vom altnordischen „jehwla“, das bedeutet „Zeit der Schneestürme“. Der Name Dezember kommt aus dem lateinischen und bedeutet „ der Zehnte“, er leitet sich von „decem“ (zehn) ab, seit Cäsar war der Monat dann endgültig der zwölfte des Jahres.

Je näher die Tage an das Weihnachtsfest heranrücken, desto mehr Ruhe spüren wir in uns. Ohne dass wir es merken, üben wir uns in der berühmten „Kunst des Müßigganges“. Im Wald ist es nun ruhig und noch stiller geworden als im Sommer und Herbst. Wer jetzt durch die Wälder streift, wird jene Muße finden, die in unserm heutigen rechnerischen und materiellen Zeitalter so rar geworden ist. Wo gibt es sie noch, die Ruhe? In den Wäldern, hier können wir für einige Stunden aussteigen aus der Hektik und einsteigen in die Stille, die die Landschaft des Pfälzerwaldes uns schenkt. Muße heißt auf lateinisch „schola“. Sie bedeutet ein Tun, das sich dem oberflächlichen Tun des Daseins entzieht. Hetze, Eile, Tempo, Geschwindigkeit und Stress prägen den Alltag des modernen Menschen. Sie entspringen unserer Daseinssituation und oft merken wir nicht, dass wir Gefangene unserer eigenen Ökonomie geworden sind. Die Vergnügungsindustrie deckt uns zu mit ihren billigen Reizmitteln. Ruhe und Muße, das sind Begriffe, für die wir heute schnell bereit sind, eine Verlustanzeige aufzugeben. Aber in den Wäldern laufen die Uhren ein wenig anders. Wenn wir durch die schneebedeckten Täler und Höhen des Pfälzerwaldes wandern, erscheint uns gerade jetzt, im besinnlichen Monat Dezember, als spazierten wir in eine andere Wirklichkeit hinein. Das Wandern in den Wäldern wird uns für kurze Zeit zu einer regelrechten Seinsweise. Und so spüren wir für einen Moment die wahre Wirklichkeit, in der wir leben. Wir treten für einige Zeit aus unserer materiellen Existenzgrundlage heraus und betreten den spirituellen Bereich des Daseins. In der ruhigen Atmosphäre des winterlichen Waldes findet der Wanderer schnell zu sich selbst. Der Wald wird zu einem Ort der Muße und Kontemplation.

Die Wälder um Trippstadt atmen jetzt einen besonderen Zauber aus und jeder Baum wird zu einem Zuspruch. Zu jeder Jahreszeit hat der Trippstadter Wald für den Wanderer seinen Reiz. Neben der Fülle von Naturerscheinungen, die wir hier vorfinden, ist es auch die Geschichte, die uns während einer Wanderung in ihren Bann ziehen wird. Das barocke Trippstadter Schloss mit seiner romantischen Gartenanlage, die alte Burg, das wildromantische Karlstal oder die historische Amseldell, um nur einige Ausflugsziele zu nennen. Doch der wahre Schatz, den dieser Wald für den Besucher bereithält, sind seine stillen Waldtäler, seine geheimnisvollen Waldteiche und Wooge. Orte der Entspannung und Loslösung von den Problemen des Alltags!


Dienstag, 20. Dezember 2011

Die Eibe (Taxus baccata) der Baum der Auferstehung - von Hans Wagner

Die Eibe war früher in den Wäldern unserer Heimat weit verbreitet. Da sie nur sehr langsam wächst, wegen ihres festen und elastischen Holzes aber von jeher sehr begehrt war, ist sie heute als Waldbaum fast verschwunden. Ein weiterer Grund ihrer Ausrottung sind ihre sehr giftigen Beeren. Da früher das Holz mit Pferden gefahren –und gerückt wurde, waren Holzfäller und Fuhrknechte schnell mit der Axt zur Hand erkannten sie eine Eibe. Die wenigen noch vorhandenen Bestände sind als Naturdenkmäler geschützt. Häufig finden wir die Eibe als Gartenschmuck in Vorgärten und Parkanlagen. Sie erträgt Verstümmelungen in der Krone leicht und eignet sich daher auch zur Anpflanzung „lebender Hecken“, was unsere heimische Vogelwelt mit Genugtuung wahrnimmt. Im Gegensatz zu unseren heimischen Nadelhölzern, ist der immergrüne Baum oder Strauch, zweihäusig und vollkommen harzlos. Seine breiten zweiteilig angeordneten Nadeln enthalten ein starkes Gift. Die weiblichen Blüten weisen nur eine Samenanlage auf, aus der eine Scheinbeere hervorgeht. Diese besteht aus den dunkelbraunen, giftigen Samen und einem scharlachroten, fleischigen „Samenmantel“, der von fruchtfressenden Vögeln gern verzehrt wird. Nach der griechischen und römischen Mythologie ist der Weg zur Unterwelt mit Eiben gesäumt. In allen Kulturen, welche die Eibe kannten, galt sie als heiliger Baum. Sie war immer mit dem Todbringenden Aspekt der Götter verknüpft.

Auf Friedhöfen findet man sie heute noch sehr oft. Eiben können bis zu 2000 Jahre alt werden. In der Bretagne glaubte man früher, von Eiben, die man als Bäume des Todes betrachtete, dürfte nur je ein Exemplar auf einem Friedhof wachsen, da sie ihre Wurzeln in die Münder aller dort begrabenen Toden senkt. Den Germanen war die Eibe heilig. Sie widmeten dieser ihre „ihwaz Rune“. Krankheit und Unheil sollte die Eibe, als auch ihre Rune abwehren. Eiben säumten auch viele heiligen Plätze, wo Gottesdienste und Gerichtsverhandlungen abgehalten wurden.

Der Name der Eibe ist uralt und stellt einen gemeingermanischen Baumnamen dar.
Er kommt im Angelsächsischen als „iw eow“ vor und lautet im althochdeutschen „iwa“, im mittelhochdeutschen „iwe“.„Iwinboum“ das ist Baum und Bogen aus Eibenholz. Ob „iwa“ verwandt ist mit „ewa“, also Ewigkeit (lat. aevum – ewige Zeit), sei dahingestellt. In diesem Falle würde sich der Sinn etwa mit sehr langer und immergrüner Lebensdauer des Baumes decken.
Wenn auch heute nur noch wenig bekannt, so verkörpert die Eibe, als ehemaliger Wildbaum unserer heimischen Forsten und Wälder, dennoch in ihrem Jahrtausend währendem Vernichtungskampfe ein Sinnbild urwüchsiger, trutziger Kraft und finsterer Tragik. Es ist eine feststehende Tatsache, dass die Eibe als europäisch-westasiatischer Baum neben der Fichte, Eiche, Tanne und Buche während der ältesten Zeiten in ganz Germanien heimisch war, und früher eine weitaus größere Verbreitung hatte als heute. Noch heute lassen einige Orts-und Flurnamen auf alte Eibenstandorte schließen : Taxberg, Ibersheim, Iba, Ibach und Taxöldern.
Die bei den Untersuchungen der Lagerschichten der Nord und Mitteleuropäischen Moore, der Braunkohle, der Pflanzenreste der schweizerischen und österreichischen Pfahlbauten und anderer prähistorischer Kultstätten (z.b. Gräber) zu Tage getretene Holzteile , haben den unumstößlichen Beweis geliefert, dass die Eibe einst stark in unseren Wäldern vertreten war. Allerdings möchte ich einige Autoren anzweifeln, die behaupten die Eibe wäre einst waldbildend im Sinne wie Eiche, Buche , Fichte oder Tanne gewesen. Dagegen spricht ihr äußerst langsamer Wuchs, ihre große Schattenbedürftigkeit, ihre ziemlich hohe Anforderung an den Boden und ihre wie schon erwähnte Zweihäusigkeit. Cäsar sagte von ihr: „Taxo cuius magna in Gallia Germaniaque copia est“. Verbürgt also reiche Vorkommen in Deutschland. 

Der zur Jagd und Kriegsführung unentbehrliche Bogen wurde aus ihrem zähen Holz hergestellt. Außerdem lieferte sie das Material zur Anfertigung von größeren Trinkgefäßen, Fässern, Zimmergeräten , Zapfen , Wasserrädern. Aber auch zur Herstellung von Häusern und Hafenbauten, zu Zaun, Grenz und Rebenpfählen wurde sie genutzt. Ihren Saft nutzte man zur Vergiftung von Pfeil und Speerspitzen. Wie schon erwähnt finden wir die Eibe auch in der religiösen Gedankenwelt der Germanen. Nach altnordischer Anschauung ist der Markt der Götterstadt Asgard mit Eibenholz gepflastert, während Ull, die Gottheit der winterlichen Natur, als vorzüglicher Bogenschütze, die Waffe aus Eibenholz meisterlich zu führen weiß und sich im „ Eibtal“ eine weite und prächtige Halle erbaut. Auch die Hexen und Zauberer bemächtigten sich der Eibe als Zauberpflanze. Eibenzweige bildeten Mittel für Be – und Entzauberungen. Als Europas ältester Baum gilt die berühmte Eibe von Fortingall in Schottland, die nahezu 3000 Jahre alt sein soll.

Seit 1958 suchten Wissenschaftler in den USA nach pflanzlichen Stoffen, die eine abtötende oder hemmende Wirkung auf die Vermehrung von Krebszellen haben. Sie testeten30 000 verschiedene Pflanzen. Ein Wirkstoff aus der Rinde der pazifischen Eibe (Taxus brevifolia) konnte gewonnen und bereits 1971 identifiziert werden: „Paclitaxel“. Er verändert bestimmte Eiweißstoffe, die eine wichtige Funktion bei der Zelleinteilung haben. Die Moleküle passen nicht mehr zusammen, so das keine Zellteilung mehr statt finden kann. In der Folge weiterer Versuche und klinischer Anwendung bei jährlich 12ooo Erkrankten wurde deutlich, dass die Behandlung nur eines Patienten zwei Gramm der Substanz Paclitaxel erfordert.Diese Menge ist aus der Rinde einer 600 Jahre alten Eibe zu gewinnen. Allerdings: Der rindenlose Baum stirbt ab. Dringlich fing man nun an ein alternatives Verfahren zu suchen um den Wirkstoff Paclitaxel zu finden. Man fand ihn, allerdings erst die chemische Vorstufe, in den Ästen und Zweigen der europäischen Eibenart, es wird wohl noch seine Zeit dauern, bis er gefunden ist, dennoch, auch die Eibe wird somit wie viele Bäume zu einem Lebensbaum.

Über die geheimen und dunklen Kräfte die angeblich in der Eibe walten, berichtet uns Shakespeare in seinem „Macbeth“. Hildegard von Bingen lässt die Eibe aber wieder zum Lebensbaum werden, wenn sie schreibt: „ De Ybenbaum ist ein Sinnbild der Fröhlichkeit“ und rät sogar, den Rauch seines Holzes gegen Schnupfen und Husten einzuatmen.

In Trippstadt finden wir die Eibe hier und da vereinzelt, ein besonders hervorzuhebender Bestand steht bei der historischen Amseldell.



Die Eibe
schlägt an die Scheibe.
Ein Funkeln
im Dunkeln.
Wie Götzenzeit, wie Heidentraum
blickt ins Fenster der Eibenbaum.
                                   Theodor Fontane

Freitag, 16. Dezember 2011

Schneespaziergang - von Hans Wagner

Mit dem ersten Schnee verwandelt der Pfälzerwald sich oft über Nacht in eine Zauberlandschaft. Was den Autofahrern ein Ärgernis ist, dies ist den Kindern die große Winterfreude! Der erste Schnee hat etwas Magisches und meist schafft er es auch, die Seele der Erwachsenen zu bezaubern. Über einer Neuschneelandschaft liegt etwas Märchenhaftes. Sie berührt uns wie ein wundersames Gedicht und entführt uns ins Reich unserer Kindheit. Es liegt ein unwirklicher und unbeschworener Zauber über dem Wald, wenn der frisch gefallene Schnee die Landschaft verwandelt. 
Aquarell Ute Knieriemen-Wagner

Nun ist es an der Zeit den Schlitten zu nehmen und aufzubrechen. Zuerst in den Trippstadter Schlosspark der sich mit dem ersten Schnee in eine große Spielwiese für die Trippstadter Kinder verwandelt hat. Wie ein verwunschener, geheimer Garten erscheint uns jetzt der Park. Der über Winter stillgelegte Springbrunnen steht nun einsam da und mächtig wirkt das Schloss, mit seinen wuchtigen Sandsteinquadern und Balustraden. Wenn dann noch die Wintersonne mit ihren Strahlen die ganze Umgebung in ein winterliches Gold eintaucht, fühlt man sich fast in ein anderes Jahrhundert versetzt.

Groß ist die Freude der hier spielenden Kinder, überall werden Schneemänner aufgestellt und der ansonsten in seinem träumerischen Dornröschenschlaf liegende Schlosspark widerhallt im jubilierenden Spiel der Jungen und Mädchen. In diesem Gewimmel von fröhlichen Kinderherzen spürt man vielleicht am eindringlichsten die Bedeutung des Wortes „Heimat“. Dieses Wort hat etwas Metaphysisches an sich, es widerspiegelt sich in den glücklichen Augen der hier spielenden Kinder. Heimat hat etwas mit Landschaft zu tun.
Wenn wir den Park durch seinen „Hinterausgang“ verlassen, eröffnet sich uns eine wunderschöne Aussicht auf die in weiß getauchten Höhenzüge des Pfälzerwaldes und unser bewundernder Blick spürt mit einem Mal den Zusammenhang von innerer und äußerer Landschaft. Unser Auge ist noch gebannt von den umliegenden Wäldern und baumbestandenen Hügeln, während wir dem schmalen Waldpfad folgen, der uns hinunter ins romantische Karlstal führt. Im Winter herrscht hier eine wohltuende Stille, nur hin und wieder ertönt aus dem Dickicht der Bäume der einsame Ruf eines Vogels. Still fließt die Moosalb durch das Tal und die vom Schnee bedeckten Fichten und Tannen versetzen uns in eine unwirkliche Stimmung, so dass es uns nicht wundern würde, wenn plötzlich Knecht Rupprecht mit seinem Schlitten, gezogen von einem wunderschönen weißen Hirsch, uns aus dem Fichtenwald entgegenkäme.

Aquarell Ute Knieriemen-Wagner


Wenn wir am späten Nachmittag das Tal verlassen und uns wieder bergauf nach Trippstadt begeben, vorbei an der uralten Burgruine Wilenstein, die trutzig auf ihrem Bergkuppe thront, begleitet uns ein gutes Gefühl. Wir verspüren jene Harmonie in uns die der Pfälzerwald dem Wanderer schenkt, der sich aufmacht, seine Schönheiten und Geheimnisse zu ergründen.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Der Wald im Winter - von Hans Wagner

Zu jeder Jahreszeit bietet der Pfälzerwald dem Wanderer etwas Einmaliges. Der Wald kennt keine Winter-Tristesse, das Gegenteil ist der Fall. Auch in der kalten und kahlen Jahreszeit verwöhnt er den Wanderer mit seinen schöpferischen Offenbarungen. Während uns im Frühjahr, Sommer und Frühherbst das rauschende Blattwerk unserer heimischen Waldbäume fasziniert, so ist es im Winter ihre archaisch anmutende Wuchsform, die unser Auge in Bann zieht. An ihrer Wuchsform sind die verschiedenen Bäume schon aus der Ferne zu erkennen. Es sind vor allem alte Bäume, die im Einzelbestand (Solitär) aufgewachsen sind, welche uns nun im unbelaubten Zustand ihre Geschichte erzählen. Schon auf den ersten Blick kann man auf ihren arttypischen Charakter und ihr Baumwesen schließen. Wie unterschiedlich präsentieren sich uns doch diese geheimnisvollen Baumpersönlichkeiten! 
Aquarell Ute Knieriemen-Wagmer

Knorrig und lebensstark zugleich zeigen sich uns die Eichen, als würden sie sich gegen alles wenden. Die Linden wirken luftig, locker und einladend. Harmonisch der schlanke Wuchs der Eschen. Der heilige Baum unserer germanischen Vorfahren strebt schwungvoll in die Lüfte, so als wäre es sein Ziel, alle anderen Bäume an Höhenwuchs zu überragen! Düster und in sich gekehrt erscheinen im Winter die Erlen, deren Äste waagrecht vom Stamm abstehen, als warteten sie auf den Erlkönig. Elegant steht die Birke da, ihre schwarz-weiße Rindenhaut erzählt von vergangenen Frühlingsnächten. Wie Traumfiguren stehen die spitzen Baumpersönlichkeiten der Tannen und Fichten in der pfälzischen Waldlandschaft.

Vor allem im Winter fällt dem Wanderer das urtümliche Geschehen in den Wäldern auf. Nun da der Wald nicht mehr im verborgenen Schattendickicht des Blattwerks steht, erkennt man den ständigen Daseinskampf, der im Wald immer stattfindet. Eine Wirklichkeit tut sich auf, die uns bisher vielleicht verborgen geblieben ist. Auf dem Boden breitet sich der Friedhof des toten Laubes wie ein Teppich aus, durchwimmelt vom Leben der Mikroben und kleinen Tiere, die das anscheinend erlöschende in einen Nährboden neuen Lebens verwandeln. Alte von Pilzen und Flechten überwucherte Baumveteranen kämpfen ums Überleben, noch in ihrem Untergang bieten sie zahlreichen Tieren Heimstatt und Schutz.

Im Winterwald erkennen wir die Strukturen und faszinierenden Muster eines göttlichen Weltenplanes, ablesbar von den knorrigen Rinden und dem mächtigen Wurzelwerk der Bäume. Jetzt im Winter begegnet der Wanderer den Spuren eines unbarmherzigen Wettrennens zum Lichte und zu den nährenden Säften der Erde. Mitten in der Friedlichkeit, in der Harmonie des Waldes erscheint uns der Baum in seinem Existenzkampf wie ein Lehrmeister des eigenen Lebens. Man erkennt mit einem Male den Kampf der Bäume gegen die Elemente der Natur - des Feuers, der Hitze, der Stürme, der Kälte. Dem Wanderer erscheint der Winterwald wie ein Buch, in dem ein großartiges Schöpfungsalphabet aufgezeichnet ist. Es ist mehr als das Formale, das uns der Wald im Winter lehrt. Es ist Entstehen, Übergang und Verwandlung, was den Zauber winterlicher Wälder ausmacht. Zu jeder Jahreszeit gibt uns der Pfälzerwald einen Teil seiner Geheimnisse und seiner Harmonie preis.

Montag, 12. Dezember 2011

Die Mistel eine alte Zauber– und Heilpflanze - von Hans Wagner

Besonders im Winter fallen uns auf entlaubten Bäumen kugelförmige Büsche auf. Es sind Sträucher der Mistel ( Viscum album) deren gelbgrüne Stängel sich halb gabelig verzweigen und lanzettlichte bis spatelförmige, etwas gedrehte Blätter tragen. Jede Gabelung entspricht einem Jahrestrieb. Die Mistel ist eine halbschmarotzende Pflanze. Im Dezember reifen die fleischigen weißen erbsengroße Früchte. Der Samen wird von Vögeln mit deren Kot auf neue Bäume getragen. Die Mistel, von der es etwa 1400 Arten gibt, wächst meist hoch oben in den Wipfeln der Bäume.
Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner

Wo man auch leben mag, in Senegal oder in Schweden, in England oder in Japan, überall hängen Misteln zwischen Himmel und Erde. Wenn die übrige Natur ihr Winterkleid anlegt oder sich zum Winterschlaf in die Erde verkrochen hat, ist die Mistel eine wahre Augenweide. Im Nahen Osten sind Mistelbeeren gelb, rot oder orange. In der Regel stirbt die Mistel erst wenn der Wirtsbaum stirbt. So schätzten Forstleute das Alter einer Mistel, die auf einer Zeder wuchs, auf 400 Jahre.

Sie bleibt von Insekten verschont, die Winde können ihr nichts anhaben und sie ist sowohl gegen Winterfrost als auch gegen ausdörrende Hitze gefeit. Bei uns reifen die Beeren der Mistel im Dezember, wohl deswegen wurde sie u. a. zum Weihnachtsbrauch genommen.
Schon bei den Feiern der altgermanischen Wintersonnenwende spielten Misteln eine wichtige Rolle. Und noch heute brennt während der Weihnachtstage in ganz Skandinavien der hölzerne Julbock, dessen angekohlte Reste früher zum Schutz für das Haus aufbewahrt wurden. Das Holz stammt von einem Baum in dessen Zweigen die Mistel wächst. In der englischen Grafschaft Staffordshire würde man keinen Bissen vom Weihnachtspudding genießen, wenn die darunter brennende Flamme nicht von Mistelzweigen genährt würde. Über kaum eine andere Pflanze gibt es eine solch ausgedehnten Mythos wie über die Mistel. Den Germanen und Kelten galt sie als zauberkräftig und war neben dem Eisenkraut die wichtigste Zauberpflanze. Sie war die geheimnisvolle Pflanze der Druiden. Aus ihr bereiteten sie ihre zauberkräftigen Getränke, die Kraft Mut und Unbesiegbarkeit verliehen, Krankheiten heilten, Mensch und Vieh fruchtbar machten. Als Amulett getragen bringt sie Glück, man verwendete sie als Heirats- und Liebessegen. Die immergrüne Pflanze gilt als Symbolpflanze der Wintersonnenwende.

Die Sagen um den Mistelzweig reichen weit zurück. Die dramatischste Sage ist die von Baldur, dem nordischen Gott der Sonne und des Sommers. Der Vegetationsgott träumte Nacht für Nacht er würde einmal ermordet werden. Seine Mutter Frigga nahm das für ein böses Vorzeichen. Sie suchte die gesamte beseelte und unbeseelte Natur auf – Steine, Metalle, Wasser und Feuer, Tiere und Pflanzen – und ließ sich von allen Versprechen, dass sie Baldur nichts antun würden. Den Mistelzweig ließ sie aus. Als der eifersüchtige Gott Loki davon erfuhr, gab er Baldurs blindem Bruder Hödur einen Pfeil aus Mistelholz der Baldur traf und tötete. Seltsamerweise ist ein ähnlicher Mythos auch in Afrika zu Hause, wo viele Stämme glauben ihre Häuptlinge könnten nur mit einem Pfeil aus Mistelholz getötet werden.
Schon immer wurde die Pflanze wegen ihrer geheimnisvollen Zauberkräften verehrt. Die alten Griechen betrachteten sie als ein Mittel gegen Gift. Andere Völker glaubten sie könne Schlösser aufbrechen, vor Feuer und Krankheiten schützen und über den Zimmertüren hingen Mistelzweige zum Schutze gegen böse Geister.

Seit dem Mittelalter galt die Mistel als ein Mittel gegen Epilepsie und Schwindelanfälle. Sebastian Kneipp pries ihre Wirkung gegen Fallsucht. In letzter Zeit vertraut auch die moderne Medizin verstärkt auf die Mistel. Die Mistel ist eines der besten pflanzlichen Herz- und Kreislaufmittel das es gibt. Blätter und Presssaft der Pflanze enthalten einen Stoff der den Blutdruck senkt. Sie gilt als krebsverhütend und dem Krebs entgegenwirkend. Allgewaltig scheint die Kraft der Mistel zu sein und man kann mit Shakespeare übereinstimmen, der über die Heilkräfte der Natur sagte: " Gar große Kräfte sind`s weiß man sie recht zu pflegen, die Pflanze, Kräuter, Stein in ihrem Inneren hegen."

Auf irisch heißt die Mistel – " utile i ceath "- und auf walisisch – " ol iach"-, das heißt Allheilmittel. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts galt dem Botaniker P. Lesson in Saintonge die Mistel als Tee eingenommen ebenfalls als Mittel gegen verschiedene Beschwerden. Mehr als 2600 Jahre haben die Kräfte, die ihr auch die Gallier zuschrieben, nicht gemindert und täglich wird das Kraut gegen die schwersten Krankheiten gebraucht. Tatsache ist, dass die Mistel bis ins 18. Jahrhundert hinein in Arzneibüchern Englands und Hollands als Mittel gegen die Epilepsie aufgeführt wurde. Ihre Wirkung wurde von Frazer wie folgt erklärt: "Da die Mistel nicht auf der Erde wurzelt so scheint daraus zu folgen, dass ein Epileptiker unmöglich hinfallen kann solang er ein Stück Mistel in der Tasche mit sich herumträgt, oder eine Abkochung aus Mistel im Magen hat." Der Umstand, dass die Mistel beim Ernten nicht auf die Erde fallen darf unterstützt diese Ansicht ebenso wie das Verbot ein Werkzeug aus Eisen zu benutzen, weil dieses Werkzeug angeblich die Geister, damit aber auch die magischen Kräfte der Pflanzen vertreiben würde. Frazer wusste allerdings nicht, dass seine ironisch gemeinte Erklärung mit den Prinzipien der Lehre von der „Signatur“ vollkommen übereinstimmt, die während des ganzen Mittelalters die Heilkunst beeinflusste. Sie wurde Ende des 16. Jahrhunderts von Giambattista della Porte, einem berühmten italienischen Arzt in seinem Werk "Magis naturalis " - das selbst moderne Psychotherapeuten heute wieder mit Gewinn konsultieren - , systematisch dargestellt.
Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner

Bei den Kelten galt die Mistel generell als „Bringerin der Fruchtbarkeit“ bei Menschen genauso wie bei den Tieren. Da sie den allmächtigen Samen des Gottes darstellte und somit dessen Gegenwart auf der Eiche, dem heiligen Baum der Kelten, bestätigte. Die zähflüssige Konsistenz und die weißliche Farbe des Fruchtfleisches lassen tatsächlich an Sperma denken. Die Mistel, die nur selten auf Eichen wächst wurde, wie Plinius schrieb, von den Druiden als Zeichen dafür angesehen, dass der Baum durch den Gott auserwählt war. Man wusste, dass in Wirklichkeit der Samen der Mistel durch Vögel auf den Baum getragen wurde, aber dies widerlegte ihren himmlischen Ursprung keineswegs.
Der Brauch der Neujahrsmistel ist in ganz Frankreich lebendig geblieben. In der Sylvesternacht tauscht man genau um Mitternacht, wenn das neue Jahr beginnt, unter Büscheln von Misteln und deren Frucht gute Wünsche aus.

Sonntag, 11. Dezember 2011

(S) INNE (er) HALTEN - von Hans Wagner

Es gibt verschiedene Weisen die Natur zu sehen und zu erfassen, sie hat für alle nur möglichen Fragen eine Antwort bereit. Wenn wir uns in ihr bewegen müssen wir nur immer wieder einmal innehalten – dann werden wir von der Natur auch Sinn erhalten.

Während einer Wanderung durch den Trippstadter Wald wird die umgebende Mitwelt uns dies bestätigen. Menschen von heute begegnet die Natur anders als sie z.B. unseren Urgroßeltern begegnete. Sahen diese in den unendlichen Räumen des Kosmos das Himmels- und Sternenzelt, Sonne und Mond noch als Licht und Lampe eines friedvoll in sich ruhenden Erdentages und die alte Mutter Erde als fruchtbaren Boden allen Lebens, so können viele Menschen von heute diese Anschauungen oft nicht mehr nachempfinden. Und dennoch, wenn wir den Wald betreten, scheint es uns da nicht, dass mit einem Mal manches Schwere von uns fällt, dass wir Stress und Hektik plötzlich hinter und lassen können? 
Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner

Der Wald wird uns zu einem letzten Reservat eines romantischen Gefühles. Wälder öffnen nicht nur unsere Sinne, sie schenken unserem Leben auch Sinn, wir müssen nur Ausschau halten nach den „Kindern des Waldes“, den Pflanzen, Vögeln, Bäumen und Tieren. Was kann uns bei einem Waldspaziergang doch alles begegnen? Der plötzliche Ruf des Schwarzspechtes, das leise Klagen eines einsamen Vogels, im Gebüsch taucht plötzlich ein Reh auf, im Wind ächzen die Bäume.

Wir müssen nur immer wieder inne halten können, dann können wir auch teilnehmen an den Wundern der uns umgebenden Natur, an ihrer Fülle, an ihrem Reichtum.
Der deutsche Naturphilosoph und Ethnobotaniker Gustav Schenk schrieb einmal: „Die blaue Blume der Romantik wuchs nirgendwo – aber sie lebte, wenn auch nur als Sinnbild grenzenlosen Geistes. Sie war ein Ziel das von vorneherein nicht erreicht werden konnte. Sie war Geist und Fülle einer leidenschaftlichen Sehnsucht und nicht würdiger und weiser konnte eine an das unendliche verlorene Seele irdische Gestalt annehmen als in einer Pflanze. Sie hatte vor aller Wirklichkeit eines voraus: Ebenso wie sie nie gefunden wurde, konnte sie niemals verloren gehen – und kein Stachel des Schmerzes blieb zurück.“

Dies ist es, was wir von der großen Lehrmeisterin Natur lernen können, wenn wir bereit sind manchmal innezuhalten. Jenes Gefühl einer Wiederverzauberung mit der uns umgebenden Natur, eben: Im Leben einen Sinn erhalten.
Es soll Menschen geben die über das „Schweigen“ im Wald erschrecken, doch ist diese Stille des Waldes nicht gerade seine Antwort an uns?
Der chilenische Dichter Pablo Neruda drückte das so aus:
Ich, der ich in einem Baum aufgewachsen,
hätte mancherlei zu erzählen,
doch da ich viel erfuhr von der Stille,
habe ich mancherlei zu verschweigen.

Dies ist eine der Philosophien des Waldes, seine Antwort an uns. Wir können dies jederzeit feststellen, dann, wenn wir ihn aufsuchen und bereit sind für einen Moment innezuhalten.

Freitag, 9. Dezember 2011

Wenn es still wird in den Wäldern - von Hans Wagner

„Neblung“ nannten ihn die Altvorderen. Nie scheint das Jahr so dunkel empfunden zu werden wie im Nebelmond, jenem Monat den wir heute November nennen.
Aus der christlichen Tradition heraus gesehen ist es der Monat des Heiligen Martin von Tours. In vielen pfälzischen Dörfern finden nun die traditionellen Martinsumzüge statt. Das Fest des Heiligen Martins wurde nicht zufällig auf den 11. November gelegt. An diesem Tag feierten die Römer das „Fest des neuen Weines“. Dieses Fest wurde auch in der Pfalz von den Römern gefeiert und als das Christentum hier zunehmend Fuß fasste, weihte man den neuen Wein eben dem Heiligen Martin.

Aquarell Ute Knieriemen-Wagner

Die Kelten, die vor den Römern die Pfalz besiedelten, begannen Anfang November die Feierlichkeiten zu „Samhain". Leichte Spuren findet man heute noch in der amerikanischen Version von Halloween, das sich inzwischen auch in Deutschland bestens vermarkten lässt. Für die alten Kelten öffneten sich zu Samhain die Türen zur „Anderswelt“. Die Kirche hat dies geschickt zu nutzen gewusst und die „Allerheiligen“ und „Allerseelen“ Tradition eingeführt.
Der November ist der Monat, der uns in den Winter einführt. Wer jetzt den Pfälzerwald zu einer Wanderung aufsucht, den erwartet die Stille dunkler Wälder. Er findet Menschen, die Ruhe, Kontemplation und eine meditative Landschaft suchen, um sich von Trubel und Hektik ausruhen zu können. Dies alles bietet der Wald um Trippstadt in den Wintermonaten!
Wer bewusst in den Pfälzerwald kommt, um hier Ruhe und Erholung zu suchen, scheint ein Gespür für Harmonie zu besitzen. Während eines Spazierganges oder einer größeren Wanderung durch die Trippstadter Wälder scheint es uns, als würden die Dinge des Lebens langsamer fließen. Ja, es ist, als würden sie sich auf einem anderen Niveau bewegen das wir als Befreiung von Hektik und ökonomischen Zwängen erfahren.
In den Wäldern können wir eine Freiheit spüren, die es uns erlaubt mit dem Wesentlichen des Lebens in Kontakt zu treten. Es ist die Stille des Winterwaldes die uns eine bisher nicht gekannte, schweigende Aufmerksamkeit schenkt. Viel intensiver spüren wir nun die Beziehungen zum Wechsel der Jahreszeiten. Fern dem unbarmherzig ewig geräuschvoll laufenden Motor der Großstadt, finden wir im winterlichen Wald nun eine ganz andere psychologische Dimension der inneren Einkehr und Ruhe vor. In einer Zeit der entfesselten Märkte, der ökonomischen Unsicherheiten, wird uns der Wald zu einer Insel der Ruhe und Erholung.
Ein alter griechischer Philosoph sagte einmal: „Eine Kultur blüht, wenn Menschen Bäume pflanzen, in deren Schatten sie niemals sitzen werden.“

Nun, im Pfälzerwald gibt es viele solcher Bäume, die vor langer Zeit von einer Generation gepflanzt wurden, die das Wort Hektik noch nicht kannten! Und wenn wir diese Bäume aufsuchen halten sie ein Geschenk für uns bereit: Stille!

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Die Kunst des meditativen Wanderns - von Hans Wagner

Wer sich zu einer Wanderung aufmacht, sollte dies bewusst tun. Wandern bedeutet sich bewegen, sich bewusst bewegen. Wenn wir spazieren gehen, laufen wir oftmals einfach los. Wenn wir zu einer Wanderung aufbrechen, haben wir in der Regel ein Ziel vor Augen: Eine Burg, ein Baum, ein Ort, eine Quelle oder sonst eine Sehenswürdigkeit. Doch wenn wir uns Wochen später an unsere Wanderung zurückerinnern, fällt uns auf, dass in der Erinnerung vor allem jene Dinge und Erlebnisse zurückgeblieben sind, die wir auf unserem Wanderweg gesehen oder erlebt haben. Denn: Der Weg ist das Ziel! Dies ist eine Weisheit, die jeder erfahrene Wanderer schon einmal gemacht hat. Wandern hat viel mit „er-fahren“ zu tun. Das alte Wort fahren umfasst jede Art von Fortbewegung, wie z.B. das Wort Pilgerfahrt, Zugfahrt oder Autofahrt uns zeigt. Erfahren kommt von ervan und heißt ursprünglich nichts anderes als „reisend erkunden“. Wenn wir also etwas er-fahren wollen, müssen wir uns auf den Weg machen. Meditatives Wandern hat eine Ähnlichkeit mit Pilgern. Auch jene, die sich auf eine Pilgerreise begeben, lassen für einige Zeit ihr Alltagsbewusstsein hinter sich und machen ihren Geist offen für neue Erfahrungen.

Beim meditativen Wandern sind wir mit unserem ganzen Bewusstsein unterwegs. Das bedeutet, dass wir uns nicht nur im geographischen Sinn auf den Weg machen, sondern auch geistig. Wandern ist eben etwas Ganzheitliches. In den gesammelten Werken Christian Morgensterns findet sich folgende Tagebuchnotiz: „Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fernes, fremdes Land getragen hat und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes Leben nach der einstigen Heimat, ruhelos durchmisst sie das Land nach allen Seiten. Und oft fällt sie zu Boden in ihrer großen Müdigkeit und man kommt, hebt sie auf und pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen. Aber sobald sie die Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von neuem fort, auf die einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht genügt, die unvermeidliche Suche nach dem Ort ihres Ursprungs“.

Wandern und Pilgern sind keine zwei verschiedenen Paare von Wanderschuhen, jedenfalls nicht beim meditativen Wandern. Denn bei dieser Art des Wanderns nähern wir uns wieder jenem „Urquell der Dinge“, oder versuchen es wenigstens, die Christian Morgenstern in seiner Tagebuchnotiz beschrieb. So kann meditatives Wandern zu einer „Quest“, einer Sinnsuche werden. Wenn wir uns zu einer Wanderung aufmachen, sollten wir die Banalitäten des Alltags hinter uns lassen, den wir wollen doch vom Alltagseinerlei in den All – Tag hineinwandern. Wir sollten während unserer Wanderung ein allumfassendes Bewusstsein mit uns führen. Wir wollen die Wunder der Natur sehen und spüren, wollen im Schöpfungsalphabet von Mutter Natur lesen und den „Zuspruch“ der Wald- und Wiesenwege in uns einfließen lassen.

Während des meditativen Wanderns kehren wir zu unserem inneren Selbst zurück. So ist Wandern auch ein Stückchen Therapie und Selbsterfahrung. In der freien Natur begegnet uns immer wieder Neues, jede Wanderung ist eine Erfahrung und es kann ja nur vernünftig sein, den eigenen Hintergrund zu erweitern und somit für neue Erfahrungen empfänglicher zu werden. Denn beim Wandern finden wir viel Zeit für uns selbst und dies sollten wir als ein recht bedeutendes persönliches Kapital ansehen. Denn was unser heutiges Dasein ganz besonders hemmt und verwickelt macht, ist die Vorstellung der Zweckbestimmtheit, die ja inzwischen schon fast jeden Vorgang des menschlichen Lebens beherrscht. Diese Vorstellung ist ja insofern in Ordnung, soweit sie unsere wirtschaftliche und verstandesmäßige Existenz betrifft. Beim meditativen Wandern allerdings tritt man in eine Bewusstseinsphäre ein, die eben nicht zweckbestimmt ist. Wir fühlen uns bei dieser Art des Wanderns der Natur und ihren Schöpfungen sehr nahe. Denn durch meditatives Wandern gewinnen wir neue Erfahrungen und erweitern somit auch unser Bewusstsein. Die Natur ist ein Ort der Besinnung und des Entzückens. Durchdrungen von ihr kann der Mensch seine Allverbundenheit mit dem Kosmos erfahren, Natur soll uns eine Sache der Andacht sein und nicht der Ausbeutung.
Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Ein Spaziergang entlang des Philosophenweges - von Hans Wagner

Wer im Spätherbst oder im Winter sich zu einem Spaziergang entlang des Trippstadter Philosophenweges aufmacht, wird von der romantischen Herbheit dieses Landstriches gewiss begeistert sein.

Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner
 

Hier, wo dunkel bewaldete Hügel den Horizont verstellen und zugleich eine Weite ahnen lassen, versinkt der Wanderer schnell in tiefe Gedanken. Selten, dass man auf diesem Weg jemandem begegnet. Was hier vorherrscht ist Stille.
„Nur wer in die Stille geht, kann sich selbst und der Welt wirklich begegnen“ schrieb einst ein großer Philosoph. Wir dürfen natürlich nicht mit dem Körper in den Wald gehen, „ohne mit dem Geist angekommen zu sein“.

Ist es nicht gerade die raue, karge Jahreszeit, der Spätherbst und der Winter, die oft für den Wanderer die ergiebigsten sind? Sie fordern seinen Geist und seine Phantasie heraus. Dass rauhes Wetter das Denken fördert ist in der Philosophie allgemein bekannt. Wenn Regen und Schnee die äußere Sicht einschränken, wendet der Blick sich nach innen. Und wenn auf den Feldern die Ernte eingebracht ist, fährt auch der ernsthafte Wanderer seine Ernte ein.

Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner



Wer denkt der Wald wirke im Winter eintönig, der täuscht sich gewaltig. Gerade jetzt kann man die Phänomene der wandelbaren Natur besonders gut erkennen und viel Neues entdecken: Die wunderbaren Farbnuancen der flüchtigen Wolken am Abendhimmel, die Wirkung des Lichts das im Winter besonders sanft in die Baumkronen fällt. Das weiche und zarte Gezwitscher der Meisen, die Spuren von Vögeln und Wild im Schnee.
Wer genau hinschaut, wer sie beobachtet die Wunderwelt am Wegesrand, dem offenbart sich in der kalten Jahreszeit die Natur als eine „Sprache“ in der sich eine höhere Wirklichkeit offenbart. „Die Natur ist ein so riesiges und allumfassendes Wesen, dass wir ihr Antlitz nicht einmal ansatzweise erkennen können“, schrieb Henry David Thoreau. Nun, er musste es wissen, schließlich ist er der berühmteste Spaziergänger der Literaturgeschichte. „Um ein Wanderer zu sein, braucht man eine Berufung direkt vom Himmel. Man muss in die Familie der Spaziergänger hineingeboren werden. Ambulator nascitur, non fit – Spaziergänger kann man nicht werden – man ist es durch Geburt“, war seine Meinung.

Gerade hier, bei einem gemütlichen Spaziergang entlang des Philosophenweges kann in uns der Gedanke aufkeimen, dass die äußere Natur auch ein Weg sein kann die eigene wahre innere Natur wieder zu entdecken.

In der waldreichen Umgebung von Trippstadt finden Wanderer und Spaziergänger immer wieder jene kleinen Wunder der Natur die Fauna und Flora hier zu bieten haben. Schließlich ist die Natur weit mehr als nur eine Welt materieller Erscheinungen, für den berühmten amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson war sie: „die sprachliche Offenbarung des immateriellen Seinsgrundes der Allseele“.



Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner

Hier im winterlichen Pfälzerwald kann es passieren, dass der Wanderer sich plötzlich eingebunden fühlt in den Kreislauf der Natur, dass er mit einem Male jenes „Licht der Natur“ von dem der deutsche Philosoph Schelling so begeistert schrieb, in sich aufgehen spürt.
Der Spaziergänger wird auf jeden Fall viel mitnehmen von den winterlich-einsamen und romantischen Waldwegen des Pfälzerwaldes.