Montag, 12. Dezember 2011

Die Mistel eine alte Zauber– und Heilpflanze - von Hans Wagner

Besonders im Winter fallen uns auf entlaubten Bäumen kugelförmige Büsche auf. Es sind Sträucher der Mistel ( Viscum album) deren gelbgrüne Stängel sich halb gabelig verzweigen und lanzettlichte bis spatelförmige, etwas gedrehte Blätter tragen. Jede Gabelung entspricht einem Jahrestrieb. Die Mistel ist eine halbschmarotzende Pflanze. Im Dezember reifen die fleischigen weißen erbsengroße Früchte. Der Samen wird von Vögeln mit deren Kot auf neue Bäume getragen. Die Mistel, von der es etwa 1400 Arten gibt, wächst meist hoch oben in den Wipfeln der Bäume.
Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner

Wo man auch leben mag, in Senegal oder in Schweden, in England oder in Japan, überall hängen Misteln zwischen Himmel und Erde. Wenn die übrige Natur ihr Winterkleid anlegt oder sich zum Winterschlaf in die Erde verkrochen hat, ist die Mistel eine wahre Augenweide. Im Nahen Osten sind Mistelbeeren gelb, rot oder orange. In der Regel stirbt die Mistel erst wenn der Wirtsbaum stirbt. So schätzten Forstleute das Alter einer Mistel, die auf einer Zeder wuchs, auf 400 Jahre.

Sie bleibt von Insekten verschont, die Winde können ihr nichts anhaben und sie ist sowohl gegen Winterfrost als auch gegen ausdörrende Hitze gefeit. Bei uns reifen die Beeren der Mistel im Dezember, wohl deswegen wurde sie u. a. zum Weihnachtsbrauch genommen.
Schon bei den Feiern der altgermanischen Wintersonnenwende spielten Misteln eine wichtige Rolle. Und noch heute brennt während der Weihnachtstage in ganz Skandinavien der hölzerne Julbock, dessen angekohlte Reste früher zum Schutz für das Haus aufbewahrt wurden. Das Holz stammt von einem Baum in dessen Zweigen die Mistel wächst. In der englischen Grafschaft Staffordshire würde man keinen Bissen vom Weihnachtspudding genießen, wenn die darunter brennende Flamme nicht von Mistelzweigen genährt würde. Über kaum eine andere Pflanze gibt es eine solch ausgedehnten Mythos wie über die Mistel. Den Germanen und Kelten galt sie als zauberkräftig und war neben dem Eisenkraut die wichtigste Zauberpflanze. Sie war die geheimnisvolle Pflanze der Druiden. Aus ihr bereiteten sie ihre zauberkräftigen Getränke, die Kraft Mut und Unbesiegbarkeit verliehen, Krankheiten heilten, Mensch und Vieh fruchtbar machten. Als Amulett getragen bringt sie Glück, man verwendete sie als Heirats- und Liebessegen. Die immergrüne Pflanze gilt als Symbolpflanze der Wintersonnenwende.

Die Sagen um den Mistelzweig reichen weit zurück. Die dramatischste Sage ist die von Baldur, dem nordischen Gott der Sonne und des Sommers. Der Vegetationsgott träumte Nacht für Nacht er würde einmal ermordet werden. Seine Mutter Frigga nahm das für ein böses Vorzeichen. Sie suchte die gesamte beseelte und unbeseelte Natur auf – Steine, Metalle, Wasser und Feuer, Tiere und Pflanzen – und ließ sich von allen Versprechen, dass sie Baldur nichts antun würden. Den Mistelzweig ließ sie aus. Als der eifersüchtige Gott Loki davon erfuhr, gab er Baldurs blindem Bruder Hödur einen Pfeil aus Mistelholz der Baldur traf und tötete. Seltsamerweise ist ein ähnlicher Mythos auch in Afrika zu Hause, wo viele Stämme glauben ihre Häuptlinge könnten nur mit einem Pfeil aus Mistelholz getötet werden.
Schon immer wurde die Pflanze wegen ihrer geheimnisvollen Zauberkräften verehrt. Die alten Griechen betrachteten sie als ein Mittel gegen Gift. Andere Völker glaubten sie könne Schlösser aufbrechen, vor Feuer und Krankheiten schützen und über den Zimmertüren hingen Mistelzweige zum Schutze gegen böse Geister.

Seit dem Mittelalter galt die Mistel als ein Mittel gegen Epilepsie und Schwindelanfälle. Sebastian Kneipp pries ihre Wirkung gegen Fallsucht. In letzter Zeit vertraut auch die moderne Medizin verstärkt auf die Mistel. Die Mistel ist eines der besten pflanzlichen Herz- und Kreislaufmittel das es gibt. Blätter und Presssaft der Pflanze enthalten einen Stoff der den Blutdruck senkt. Sie gilt als krebsverhütend und dem Krebs entgegenwirkend. Allgewaltig scheint die Kraft der Mistel zu sein und man kann mit Shakespeare übereinstimmen, der über die Heilkräfte der Natur sagte: " Gar große Kräfte sind`s weiß man sie recht zu pflegen, die Pflanze, Kräuter, Stein in ihrem Inneren hegen."

Auf irisch heißt die Mistel – " utile i ceath "- und auf walisisch – " ol iach"-, das heißt Allheilmittel. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts galt dem Botaniker P. Lesson in Saintonge die Mistel als Tee eingenommen ebenfalls als Mittel gegen verschiedene Beschwerden. Mehr als 2600 Jahre haben die Kräfte, die ihr auch die Gallier zuschrieben, nicht gemindert und täglich wird das Kraut gegen die schwersten Krankheiten gebraucht. Tatsache ist, dass die Mistel bis ins 18. Jahrhundert hinein in Arzneibüchern Englands und Hollands als Mittel gegen die Epilepsie aufgeführt wurde. Ihre Wirkung wurde von Frazer wie folgt erklärt: "Da die Mistel nicht auf der Erde wurzelt so scheint daraus zu folgen, dass ein Epileptiker unmöglich hinfallen kann solang er ein Stück Mistel in der Tasche mit sich herumträgt, oder eine Abkochung aus Mistel im Magen hat." Der Umstand, dass die Mistel beim Ernten nicht auf die Erde fallen darf unterstützt diese Ansicht ebenso wie das Verbot ein Werkzeug aus Eisen zu benutzen, weil dieses Werkzeug angeblich die Geister, damit aber auch die magischen Kräfte der Pflanzen vertreiben würde. Frazer wusste allerdings nicht, dass seine ironisch gemeinte Erklärung mit den Prinzipien der Lehre von der „Signatur“ vollkommen übereinstimmt, die während des ganzen Mittelalters die Heilkunst beeinflusste. Sie wurde Ende des 16. Jahrhunderts von Giambattista della Porte, einem berühmten italienischen Arzt in seinem Werk "Magis naturalis " - das selbst moderne Psychotherapeuten heute wieder mit Gewinn konsultieren - , systematisch dargestellt.
Zeichnung Ute Knieriemen-Wagner

Bei den Kelten galt die Mistel generell als „Bringerin der Fruchtbarkeit“ bei Menschen genauso wie bei den Tieren. Da sie den allmächtigen Samen des Gottes darstellte und somit dessen Gegenwart auf der Eiche, dem heiligen Baum der Kelten, bestätigte. Die zähflüssige Konsistenz und die weißliche Farbe des Fruchtfleisches lassen tatsächlich an Sperma denken. Die Mistel, die nur selten auf Eichen wächst wurde, wie Plinius schrieb, von den Druiden als Zeichen dafür angesehen, dass der Baum durch den Gott auserwählt war. Man wusste, dass in Wirklichkeit der Samen der Mistel durch Vögel auf den Baum getragen wurde, aber dies widerlegte ihren himmlischen Ursprung keineswegs.
Der Brauch der Neujahrsmistel ist in ganz Frankreich lebendig geblieben. In der Sylvesternacht tauscht man genau um Mitternacht, wenn das neue Jahr beginnt, unter Büscheln von Misteln und deren Frucht gute Wünsche aus.

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